Blasphemie, Karikaturen und Hare Krishna

Wie mit religiöser Beleidigung umgehen?

| 20. Januar 2015 | 0 Kommentare
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Die Verbrennung von Erzbischof von Canterbury, Thomas Cranmer, am 21. März 1556 in Oxford

von KRIPAMOYA DAS aus London —

Ein gerade heftig diskutiertes Thema betrifft den Begriff „Blasphemie“ – ein altes Wort, das kaum noch Verwendung findet, außer wenn es darum geht, wie andere, nicht-christliche Religionen sich von Karikaturen beleidigt fühlen. Das war nicht immer so. Früher nahm man dieses Wort keineswegs auf die leichte Schulter.

Ich bin ein gelegentlicher Besucher des Oxford Centre for Hindu Studies, und nur einen kurzen Fußweg von dort entfernt ist der Ort, an welchem der ehemalige Erzbischof von Canterbury, Thomas Cranmer, am 21. März 1556 öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Er starb einen unfassbar schmerzhaften Tod, weil seine religiösen Vorstellungen nicht mit denen der damaligen Führer überstimmten.

Die Mitglieder der Bewegung für Krishna Bewusstsein können sich heute tatsächlich glücklich schätzen, dass Blasphemie kein Kapitalverbrechen in Großbritannien ist, so wie früher. Wenn dem so wäre, hätte man uns alle schon längst als Ketzer zu Asche verbrannt.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir es heute einfach hätten. Sobald man religiöse Vorstellungen von einem Teil der Welt zum anderen bringt, vor allem, wenn man sich anders kleidet und durch Singen in den Straßen Aufmerksamkeit erregt, erkennt man schnell wie hoch die Toleranz der eigenen Kultur ist.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich einen unserer typischen Kirtan-Gesänge leitete. Ich war erst siebzehn, hatte mir erst vor kurzer Zeit den Kopf rasiert und die safranfarbene Robe eines Brahmachari-Mönches angezogen. Es war ein Samstag Nachmittag in der Portobello Road und ich war glücklich dabei die Trommel zu spielen, den Gesang zu leiten und so die Prozession entlang der mit Ständen gesäumten Straße anzuführen, während Käufer und Touristen dem Spektakel zuschauten (siehe Foto).

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Ein Kirtan-Gesang der Hare-Krishna-Anhänger in England, Mitte der 1970er Jahre, Kripamoya Das links mit Trommel

Aber nicht jeder teilte meine Begeisterung. Es dauerte nicht lange, bevor der frisch von einem Huhn abgehackte Kopf, inklusiv heraus baumelnder Eingeweide, durch die Luft gesegelt kam und mich voll ins Gesicht traf. Der werfende Metzger lachte laut, während seine Freunde ihm zu seiner Zielgenauigkeit gratulierten. Ich wischte mir das Blut ab und sang weiter.

Es war ein guter Vorgeschmack für das Niveau, mit welchem man mich ab jetzt behandeln würde. In den kommenden Jahren sollte ich eine breite Palette von Beleidigungen und Wurfgeschossen erleben: Spucke, Kohl und andere Gemüse, Bierdosen (manchmal großzügigerweise halbvoll), leere Flaschen, Erdklumpen mit Grasbüscheln, Becher mit Urin, Steine ​​– und sogar Feuerwerk!

Sicher, nicht jeder mag Religion; und diejenigen, die es doch tun, bevorzugen eine Religion, die sie kennen gegenüber einer fremdländischen. Und was gibt es fremdartigeres als Hare Krishna mit diesen seltsam riechenden Räucherwerk, Blumen, Tambourin-Trommeln und bläulichen Göttern? Folglich gibt es viele, die sofort ihre geprüfte theologische Meinung einwerfen möchten – und sie werfen dabei nicht immer mit Blumen.

Auch viele Polizeibeamte fühlten sich damals berufen, ihren philosophischen Präferenzen dadurch Ausdruck zu verleihen, dass sie uns für unseren Gesang in Haft nahmen, in der Regel unter dem Vorwand des Highways Obstruction Act von 1863. Und ich brauche nicht zu erwähnen, dass ihre Umgangsart, damals in den 1970er Jahren, uns gegenüber nicht gerade sanft gewesen ist. Und was den Verkauf von Bücher über Gott betrifft, so habe ich aufgehört zu zählen, wie oft ich verhaftet wurde und in eine Zelle nur mit einer grauen (vielfach benutzten) Decke gelandet bin.

Aber ein Geweihter Krishnas hat tolerant zu sein. Als Anhänger Sri Chaitanya Mahaprabhus sehen wir unser Vorbild in Nityananda Prabhu, der es sogar toleriert hatte, als ihn ein Raufbold mit einem Weinkrug die Stirn blutig schlug. Toleranz, Vergebung und Entschlossenheit sind Eigenschaften, die einem Boten Gottes gut zu Gesicht stehen.

Aber was, wenn nun Gott selbst beschimpft wird, anstatt der Überbringer seiner Botschaft? In früheren Zeiten, als man tatsächlich an ein nächstes Leben glaubte und Himmel und Hölle als reale Zukunftsmöglichkeiten ansah, bezeichnete man die Beschimpfung Gottes als Gotteslästerung, als Blasphemie. Natürlich hing das Konzept der Blasphemie weitgehend davon ab, inwieweit man der örtlich vorherrschenden Vorstellung von Gott widersprach. Im Falle, dass niemand um mich herum an meinen Gott glaubt, würden Beleidigungen nicht als Blasphemie angesehen – im Gegenteil, meine Gottesvorstellung wäre dann blasphemisch. Darum sollte man Vorsicht walten lassen, bevor man irgendjemand der Blasphemie bezichtigt, denn der Spieß kann schnell umgedreht werden. Sehr komplex das Ganze.

Aber nun die Frage: Kann man ein Bild vom Höchsten Herrn, Krishna, zeichnen, vielleicht sogar eine Karikatur, die als Gotteslästerung bezeichnet werden könnte? Würden Krishnas Anhänger jemals so beleidigt sein, dass sie sogar nach einer Art von Vergeltung suchen würden? Man soll niemals Nie sagen, aber es ist höchst zweifelhaft; denn gerade das Konzept von Krishna beinhaltet ja das Verständnis, dass Krishna durchaus in der Lage ist, selbst mit jeder Art von Feinden klarzukommen. Er vergab dem Dämon Sisupala einhundert Mal, bevor er sich des Problems annahm. Krishna mag der Allmächtige sein, aber er ist auch der Höchste Mitfühlende und der Endgültige Vergebende. Jene Gottgeweihten, die sich an Krisenas Eigenschaften erinnern, werden nicht an seiner Statt gereizt reagieren.

Außer bei einer Gelegenheit, vor nicht allzu langer Zeit. Dies war als die amerikanische Rockband Aerosmith ihr zwölftes Album Nine Lives veröffentlichte. Ihr Coverdesigner nahm ein Bhaktivedanta-Book-Trust-Bild, welches Krishnas Tanz auf den vielen Köpfen der Schlange Kaliya zeigt, und überlagerte das schöne Gesicht des Herrn mit dem Kopf einer Katze. Die Devotees zeigten sich ein wenig zornig wegen der Rechteverletzung an diesem Bild sowie der fahrlässige Manipulation daran. Man war in den USA, also beschritten sie den Rechtsweg und erhielten eine großzügige Entschädigung. So geht man mit Gotteslästerung (und Urheberrechtsverletzung) auf schmerzlosem Wege um.

Seit den 1960er Jahren, als die Anhänger Krishnas erstmals im Bewusstsein der Öffentlichkeit erschienen, hat die Bewegung einen radikalen Wandel in ihrer Wahrnehmung, zumindest in Europa, durchgemacht. Uns wurde so ziemlich alles vorgeworfen – von einem „Hexenkult“ (Weekend Magazin) bis hin zu einer „Einrichtung zur Gedankenkontrolle“ (The Sun). Wie ich schon sagte, es war nicht einfach. Es bedurfte Ausdauer, Toleranz und eine Menge Erklärungen, um als Teil von Großbritanniens vielschichtiger spiritueller Landschaft akzeptiert und sogar gemocht zu werden.

Meine Botschaft an alle, die eine Lebensart und ein Glaubenssystem einführen möchten, welches der britischen Kultur fremd ist: Haben Sie Geduld – Sie werden enorme Mengen davon benötigen. Erwarten Sie nicht, von jedem gemocht zu werden – es wird nicht passieren, seien Sie einfach glücklich, wenn einigen wenigen Ihre Botschaft gefällt. Fühlen Sie sich nicht verletzt, wenn sie nicht verstanden oder wenn Sie oder Ihr Gott beleidigt werden. Erinnern Sie sich einfach daran, dass Gott selbst mit solchen Schmähungen fertig werden kann und er Sie nicht wirklich dafür braucht, damit Sie an seiner Stelle für ihn wütend werden. Gewinnen Sie die Menschen für ihrem Gott, indem Sie ihnen zeigen, wie glücklich Ihr Gott Sie macht. Wenn Sie nicht zufrieden sind, könnte es sein, dass Sie etwas falsch machen. Und denken Sie daran: Es gibt nur einen Schöpfer und nur eine ultimative Quelle, der Ursprung von allem. Es hat keinen Sinn über seinen Namen zu streiten – ER hat zu viele.

Quelle: The Vaishnava Voice
(Übersetzung: Olaf Schröder)

 

150120_kripamoyaZum Autor: Kripamoya Das hatte sich der Hare-Krishna-Bewegung im Jahre 1974 in England angeschlossen und wurde im Jahre 1975 von Srila A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada in die jahrtausendalte Gaudiya-Vaishnava-Sampradaya (Schülernachfolge) eingeweiht. Neben vielen anderen Diensten hat er als Hindupriester mehrere Hundert Hochzeitszeremonien geleitet. Heute fungiert er ebenfalls als offiziell einweihender spiritueller Meister in der ISKCON (International Society for Krishna Consciousness). Eine detaillierte Beschreibung zu seiner Vita findet man auf seinem persönlichen Blog „The Vaishnava Voice“.

 

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Auch interessant in diesem Zusammenhang ist unser Vortrag an einem katholischem Gymnasium, Januar 2015, wo es unter anderem auch um das problematische Thema „Absolutheitsanspruch in Religionen“ geht.

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Category: Cartoons, Diverses, Interreligiös, Kripamoya Das, Krishna und die Welt, Menschen, Politik

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