Glauben – eine Ehrenrettung

Wissen wir? Oder glauben wir zu wissen? Oder wissen wir, dass wir glauben?

| 18. Juni 2018 | 0 Kommentare

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von GÜNTER ARMIN STÜCKEMANN

Heutzutage ist es aus der Mode gekommen, zu glauben. „Glauben ist nicht Wissen“ sagt der Volksmund und häufig ist hiermit gemeint, dass Dinge, an die man glauben muss mit Realität nichts zu tun haben können. Realität sei beweisbar, sagt man, und daher nicht auf Glauben angewiesen. Auf Glauben zu verzichten sei daher eine sinnvolle Methode, möglichen Fehlschlüssen und Irritationen im Prozess der Wahrheitsfindung vorzubeugen.

Ausserdem versuchen viele Menschen, Glauben zu vermeiden, weil sie Glauben verknüpfen mit Dogmatismus, Zwang und der Angst vor Beidem. Kulturhistorisch ist das verständlich, trat Beides doch viel gemeinsam in Erscheinung, aber ist die Phase der Inquisitionen und Hexenverbrennungen nicht vorbei? Sollten wir daher nicht unsere Betrachtungen anpassen? Blockiert der Hinweis auf vergangene Not nicht sogar den Blick auf aktuelle Realität?

Ich versuche in diesem Artikel mit einigen populären Irrtümern aufzuräumen und eine nüchterne Sichtweise auf das, was Glauben ist zu entwerfen. Also: Was ist Glauben eigentlich? – Warum glauben Menschen? Und: Gibt es Leben ohne Glauben überhaupt? – Ein Gedankengang

 

Was ist Glauben?

Zunächst ist es sinnvoll, „das Glauben“ und „den Glauben“ zu unterscheiden.

„Das Glauben“ ist nicht mehr und nicht weniger als ein psychologischer Prozess. Im Verlauf dieses Prozesses wird eine Aussage als Wahrheit angenommen ohne weitere Belege oder Beweise einzufordern. Im Zentrum des Glaubens steht also eine Entscheidung. Diese Entscheidung ist: „Ich nehme diese Aussage als Wahrheit an. Ich akzeptiere die gegebenen Belege als ausreichend.“ Praktisch fassbar wird das Glauben in Form von Glaubenssätzen. Alle Sätze, die wir als Wahrheiten akzeptieren, ohne dass sie unbezweifelbar sind, sind also Glaubenssätze. Beispielsweise glauben wir Sätze wie: „Morgen geht die Sonne auf“ – „Was in den Nachrichten gesagt wird ist wahr“ – „Meine Frau / Mein Mann liebt mich“ u.Ä. oder wir zweifeln sie an. Ja nachdem ob wir sie glauben oder nicht entwickelt sich in unserem Geist ein entsprechendes Weltbild.

Die bekannte Formulierung „Der Glauben“ bezeichnet ein Glaubenssystem. Ein Glaubenssystem besteht aus mehreren Glaubenssätzen, die sich zu einem Gesamtbild oder einer Weltanschauung zusammenfügen. Dies liegt in den selteneren Fällen daran, dass Glaubenssätze willkürlich zusammengefügt werden, nein, viele Glaubenssätze ziehen logische Schlussfolgerungen nach sich. Beispielsweise führt der Glaubenssatz „Micha ist mein Freund“ logisch zum Glaubenssatz: „Ich kann mich auf Micha verlassen“. In diesen Fall ist der erste Glaubenssatz ohne den Zweiten undenkbar. Mitunter gibt es zu einem Glaubenssatz auch viele schlüssige Folgerungen, die wiederum weitere Schlussfolgerungen nach sich ziehen können, wodurch sich Glaubenssysteme zu hochkomplexen Gedankengebäuden, zu ganzen Weltbildern und Philosophien zusammenfügen können.

Am häufigsten gebraucht wird der Begriff „der Glauben“ hierzulande natürlich im Zusammenhang mit den Glaubenssystemen der christlichen Kirchen. In diesem Sinne werde ich den Begriff hier aber nicht verwenden, da dieses Glaubenssystem nur ein Glaubenssystem von prinzipiell unendlich vielen Möglichen darstellt und der Begriff „der Glauben“ daher sehr verengte Bedeutung haben würde, würde man Ihn auf nur ein Glaubenssystem beschränken. Diese Handhabung war zwar in der langen Zeit des religiösen Dogmatismus hierzulande durchaus üblich, ja mitunter sogar gewünscht, ich möchte hier aber ein Stück damit brechen.

Zur klaren Unterscheidbarkeit beider Begriffe von Glauben werde ich mich im Zweiten Fall soweit wie möglich auf den Begriff Glaubenssystem verlegen. Das ist nicht immer möglich. Beide Begriffe von Glauben haben durchaus Schnittmengen, in denen sie kaum unterscheidbar sind. Das ist zum Beispiel der Fall wenn ein grundlegender Glaubenssatz notwendigerweise viele logische Folgeglaubenssätze nach sich zieht und somit „das Glauben“ dieses einen Glaubenssatzes ohne „den Glauben“ an seine Schlussfolgerungen nicht denkbar ist. Dennoch tun wir gut daran, den Blick auf diese Unterscheidung aufrecht zu erhalten und nicht das eine für das Andere zu halten.

 

Ist Glauben vermeidbar?

Der Versuch, Glauben zu vermeiden ist weit verbreitet. Die Ursachen hierfür lassen sich klar zurückverfolgen in die Zeit des religiösen Fundamentalismus: Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennungen etc. Viel Leid wurde „im Namen des Glaubens“ verursacht und dies Leid wurde in der Folge klar dem Glauben angelastet. (Dieses Denken ist durchaus fragwürdig, die Kritik dieses Denkens soll hier aber nicht behandelt werden. Wen diese Diskussion interessiert, der sei auf Howard Resnicks alias Hridayananda Dasa Goswamis Betrachtungen zum Thema „Posttraumatische Belastungsstörung als gesamtgesellschaftliches Phänomen“ verwiesen) Als Reaktion auf diese belastende Geschichte wurde mit der Wissenschaft ein System entwickelt, das Wahrheit finden sollte ohne auf Glauben angewiesen zu sein. Die Notwendigkeit zu glauben sollte durch Beweisführung umgangen werden. Nur was bewiesen werden kann sollte als gültige Wahrheit anerkannt werden.

Werfen wir also einen erkenntnistheoretischen Blick auf das Herzstück der neu entwickelten Weltsicht, auf „harte wissenschaftlich bewiesene Fakten“ und versuchen wir mit neutralem Blick herauszufinden, ob in dem Erkenntnisprozess, der zum Finden dieser harten Fakten führte, geglaubt wurde oder nicht.

Nehmen wir als Beispiel eine Aussage, die allgemein als erwiesene Tatsache anerkannt ist: „Die Erde ist 8 Lichtminuten von der Sonne entfernt.“ Die zusätzlichen 19 Lichtsekunden und die Tatsache, dass die Erde eine leicht elliptische Bahn beschreibt möchte ich hier ignorieren, geht es hier doch um den Prozess der Wahrheitsfindung und nicht um das Verzetteln in Spitzfindigkeiten. Uns interessiert hier die Frage: Woher können wir wissen, dass diese Aussage wahr ist?

Antwort: Wir können durch direkte Beobachtung zu dieser Erkenntnis gekommen sein, also selbst gemessen haben, oder wir haben die Aussage aus glaubwürdiger Quelle übernommen.

Im zweiten Fall lässt sich die Einmischung von Glauben schnell finden; wäre dieser Prozess doch gleichbedeutend mit: ein Wissenschaftler hat diese Aussage getätigt und wir haben ihm geglaubt. Statt Beweis wird hier ein Beleg akzeptiert, nämlich: die glaubwürdige Aussage einer Autorität.

Kann der Andere Weg „Ich habe das Ergebnis selbst gemessen“ ohne Glauben auskommen? Ehrlicherweise muss man auch hier mit einem klaren Nein antworten. Ich muss zumindest glauben, dass meine Messmethode brauchbar ist, ich muss glauben, dass ich mich nicht vermessen habe, ich muss glauben, dass meine Masseinheit korrekt ist u.Ä.

Gehen wir weiterhin davon aus, dass sich dieses Prinzip bei allen harten wissenschaftlich belegten Fakten mehr oder Weniger ähnelt, müssen wir also kombinieren, dass harte wissenschaftliche Fakten auch nicht ohne Spuren von Glauben im Erkenntnisprozess auskommen. Würde man den Prozess des Glaubens zur Wahrheitsfindung tatsächlich konsequent vermeiden, dann käme man schnell in das Dilemma der endlosen Beweisführungskette, in der jeder gefundene Beleg durch neue vorgebrachte Zweifel wieder hinterfragt werden kann. Beispiel:

Die Strecke zwischen Punkt A und Punkt B beträgt 2,50 m. – Woher glaubst Du das zu wissen? – Ich habe gemessen! – Du glaubst, Dein Massband ist korrekt? Natürlich! – Warum? – Ich habe es am Urmeter geeicht! – Woher weisst Du, dass der Urmeter noch immer korrekt ist? Hast Du das überprüft? – Das kontrollieren die Fachleute? – Woher weisst du, dass diese nicht betrügen? – usw.

Wir können diesem Dilemma nur entkommen, wenn wir irgendwann sagen: Gut, das glaube ich; so wie jeder Wissenschaftler natürlich glaubt, dass er korrekt gemessen hat.

Wir können also folgern, dass sich auch harte Fakten nicht als Wahrheit empfinden lassen, wenn im Erkenntnisprozess nicht irgendwann geglaubt wird. Das Gefühl zu wissen ist also auf den Prozess des Glaubens angewiesen. Wissen kann ohne Glauben nicht als solches empfunden werden. Wo Wissen ist, versteckt sich irgendwo dahinter ein Glauben. Kein Wissen ohne Glauben. Das rückt den Satz „Glauben ist nicht Wissen“ in ein ganz anderes Licht. Er bleibt zwar wahr, erinnert nun aber eher an den Satz „Eine Eichel ist keine Eiche“; oder an die bekannte Aussage: Wo nichts gegeben ist kann nichts bewiesen werden.

 

Alle glauben irgendwas

Noch deutlicher wird unsere Abhängigkeit vom Glauben anhand der Frage: „Wer ist mein Vater?“ – Diese Frage stellt sich im Verlaufe seines Lebens jeder früher oder später und sie wird in den seltensten Fällen mit einem Vaterschaftstest beantwortet, sondern in der Regel dadurch, dass man seine Mutter fragt und ihr dann glaubt. Und selbst wenn ein Vaterschaftstest gemacht wird, bin ich immer noch von dem Glauben abhängig, dass die DNA nicht vertauscht wurde, dass der Tester sein Handwerk versteht, dass mich niemand mit einem gefälschten Ergebnis betrügen will usw. usw.

Am allerdeutlichsten wird die Unausweichlichkeit des Glaubens aber in dem Bereich, der uns allen am Wichtigsten ist, nämlich im engsten persönlichen Bereich. Jeder möchte sich geliebt fühlen. Wie aber wollen wir uns je geliebt fühlen können, ohne einem Menschen zu glauben der uns sagt: „Ich liebe Dich?“ – Er könnte es uns zeigen ohne es zu sagen, aber könnte ich diese Zeichen als Beweis annehmen ohne zu glauben: „Dies ist ein Beweis seiner Liebe“? – wiederum ein klares Nein.

Kurzum: Wir werden dem Glauben nicht entkommen. Alle glauben irgendwas. Wer glaubt, er würde nicht glauben, der macht sich etwas vor. Schon diese Formulierung macht das sehr deutlich. Noch deutlicher wird das, wenn man bedenkt, dass dem Satz: „Ich glaube gar nichts!“ – wie vehement er auch vorgetragen sein mag – sehr häufig der immer selbe Nachsatz folgt, nämlich: „Ich glaube nur das, was …“

Wenn wir also zu der Schlussfolgerung kommen, dass kein Mensch ohne zu Glauben zu Erkenntnissen kommen kann, dann verliert das häufig gehörte antireligiöse Totschlagargument „Nun, daran muss man aber wirklich glauben“ all seine Durchschlagkraft. Nicht weil es unwahr wäre, nein, um die Wahrheit in Dingen zu sehen, muss man an deren Wahrheit glauben. Das ist wahr. Vielmehr wird das Argument deshalb unhaltbar, weil auch die Wahrheit dessen, der dem anderen seinen Glauben vorwirft auf eigenem Glauben gegründet. Vor der Schlussfolgerung, dass jede Position irgendwie auf Glauben fusst trifft das Argument also den Vorwerfenden im gleichen Masse. Somit verlieren alle die Berechtigung, das Glaubenssystem eines Anderen zu diffamieren, indem man ihm vorwirft, man müsse daran glauben.

Glauben ist nicht Wissen, das bleibt wahr. Jedes Glauben beinhaltet eine Spur Ungewissheit. Anderenfalls wäre der Prozess des Glaubens nicht notwendig. Der Glaubende hat aber einen entscheidenden Vorteil gegenüber demjenigen, der „nicht glaubt“. Er entscheidet sich, diesen Rest Ungewissheit einfach auszuhalten. Wer tatsächlich konsequent nicht Glauben möchte, der muss jeder Ungewissheit nachgehen und wird hinter jedem neuen Beleg neue Ungewissheiten entdecken. Er verstrickt sich in endlosen Beweisfindungsversuchen. Daher verlegen sich die meisten Vertreter des „Lebens ohne Glauben“ auf einen simplen Trick: sie verbrämen die Momente in denen sie glauben, betrügen sich so selbst, verlieren so Klarheit über ihre eigenen innerpsychischen Prozesse und berauben sich der Möglichkeit sich die wirklich wichtigen Fragen zu stellen, die da wären:

 

Wie glauben wir?

Wer akzeptiert hat, dass wir alle glauben, der wird bald zu folgenden Fragen finden: „Auf welcher Grundlage glaube ich?“ – „Wie verändert sich mein Bewusstsein durch dieses oder jenes Glauben?“ – „Wem glaube ich was und warum?“ Oder kurz: „Wie intelligent glaube ich?“

Wem sich beim Zusammenklang der Worte Glauben und Intelligenz noch immer die Nackenhaare sträuben, der möge um des Experiments willen einmal die zwei Glaubenssätze: „Letztendlich ergibt alles einen Sinn“ und „Alle sind gegen mich“ nebeneinanderstellen und er wird feststellen, dass es in der Beurteilung welcher dieser Glaubenssatz der intelligentere ist kaum zwei Meinungen gibt.

Obwohl es zu diesen Fragen sehr viel zu sagen und zu entdecken gibt, möchte ich diesen Text hier beenden und den Leser einladen, sich diese Fragen selbst zu stellen. Jeder wird sehr persönliche Antworten finden und durch Vertiefung des Entdeckten weiterforschen können.

Auf eine hochwichtige Frage möchte ich zum Schluss aber noch hinweisen: „Wie bereit bin ich, im Angesicht höherer Erkenntnis mein persönliches Glaubenssystem zu verändern?“ Ich behaupte, wenn wir uns hier um grössere Offenheit bemühen, so ist dies ein wesentlich effektiverer Impuls zur Überwindung von Dogmatismus als der jahrhundertealte und nie geglückte Versuch, das Glauben selbst zu überwinden.

In diesem Sinne: Glauben wir an die Überwindung überkommener Glaubenssätze!

Aber missachten wir das Glauben nicht!

Wir werden nie ohne auskommen!

Lasst uns also damit umgehen lernen!

Herzlichen Dank an alle offenen Leser.

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Günter Armin Stückemann aus Hannover

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Category: Diverses, Krishna und die Welt

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