Die gelben Augen des Todes

Lehren von einem Falken

| 18. Juni 2012 | 0 Kommentare

Foto © by Emily Vizza

Von Radhanath Swami ○ Ich erinnere mich wie ich einmal am Gangesufer saß. Über mich blickte ich in einen wolkenlosen Himmel, an dem ein Falke seine Bahnen zog. Mit seinen braunen, goldenen und roten Federn schien er von der Sonne erleuchtet zu sein. Er flog tiefer und tiefer und tiefer bis er schließlich nur ein paar Meter über meinen Kopf kreiste. Ich schaute hoch zu diesem Falken und sah wie seine gelben Augen intensiv in den Fluss starrten, als wenn er etwas beobachtete. Auf einem Mal stürzte sich der Falke kopfüber in den Ganges. Es gab ein Gerangel, Wasser spritzte. Der Falke verschwand in den Fluten und tauchte wenige Sekunden später mit einem zappelnden Fisch in seinen Klauen wieder auf. Der Fisch wandte sich hin und her und kämpfte um sein Leben, während der Falke mit ihm Richtung Wald aus meinen Blicken verschwand.

Jener Fisch schwamm also vor sich hin, wie an jedem anderen Tag auch. In der Begleitung von Freunden und Familie, auf der Suche nach Nahrung und Vergnügen schwamm er umher und erwartet nicht, dass irgendetwas traumatisches passieren könnte. Aber plötzlich wurde er einfach aus seiner Realität heraus gerissen, weg von allem, mit dem er sich bis dahin identifiziert hatte. Er stand vor dem Tod.

Ist dies nicht eine potentielle Situation für uns alle? Wir leben unser Leben, Tag ein, Tag aus, und der Falke des Schicksals schlägt zu – ein Todesfall in der Familie, eine traumatische Erfahrung, Krankheit oder der Tod selbst. Wahrscheinlich dachte ich an jenem Tag, dass die Lektion ist, nicht selbstgefällig zu werden. Wir sollten mit den Möglichkeiten, die uns unser spirituelles Leben bietet, sehr, sehr ernsthaft umgehen. Einer der größten Feinde eines Yogi ist der Aufschub. Wir folgen einfach dem Alltagstrott und die wichtigsten Sachen verschieben wir auf morgen, ohne zu wissen, dass dieser gelbäugige Falke des Schicksals jeden Moment zuschlagen kann.

HH Radhanath Swami

Aber es gab noch eine andere Lektion: Wäre dieser Fisch tiefer geschwommen, dann hätte ihn der Falke nicht fangen können. Wenn wir in der gleichen Weise tiefer in unsere spirituellen Praktiken eindringen, tiefer in unsere Meditation, unserem Satsang [Gemeinschaft mit Gottgeweihten], unseren Kirtan, unseren Geist auf jenen tiefen Ort in unseren Herzen richten, der mit wahrer Erfüllung durchdrungen ist, dann kann uns keine Situation in dieser Welt mehr erschüttern, egal was über uns da kommen mag.

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Radhanath Swami ist ein einweihender spiritueller Meister der ISKCON.
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Dieser Artikel stammt ursprünglich aus dem kalifornischen 16Rounds Magazin,  © Foto entnommen von 16Rounds
Vielen Dank an Olaf Schröder für die Übersetzung!


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Category: Diverses, Radhanath Swami, Reiseberichte

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