Das außergewöhnliche Leben von Śrī Madhvācārya

Die Abenteuer und Lehren des großen Vaishnava-Reformators

| 16. Juni 2016 | 0 Kommentare

160616-madhva01Hanumān steht im Zentrum des Rāmāyaṇa-Epos und für viele Inder gilt Madhvācārya (1238 – 1317) als eine Wiederverkörperung Hanumāns im gegenwärtigen Zeitalter, dem Kali-yuga. Madhva, der auch als Pūrṇaprajña und Ananda Tirtha bekannt ist, gilt darüber hinaus neben Rāmānuja, Viṣṇusvāmi, Nimbarka und Śaṅkara als einer der fünf größten philosophischen Lehrer Indiens und Begründer einer der drei wichtigsten philosophischen Hauptrichtungen des Subkontinents der letzten zweitausend Jahre. Über die große Bedeutung Madhvas finden sich im zweiten Teil des folgenden Artikels ausführliche Hinweise. Im ersten Teil soll seine Beziehung zu Hanumān beleuchtet werden.

Von Olaf Schröder

Unser heutiges Wissen über diesen herausragenden Gelehrten und paramahaṁsa stammt zum größten Teil aus der Biographie Śrī Madhva Vijaya, verfasst von Nārāyaṇa Paṇḍitācārya, der Madhvācārya  noch persönlich gekannt hatte. Er war der Sohn Trivikrama Paṇḍitācāryas, eines direkten Schülers Madhvas. Ursprünglich war der hochgelehrte Trivikrama ein Monist, aber im Anschluss an eine von seinem Sohn im Rahmen der Biographie wiedergegebenen 15tägigen philosophischen Debatte mit Madhvācārya, akzeptierte er die Überlegenheit der Lehre Madhvas und ließ sich von ihm einweihen. Die Śrī Madhva Vijaya (oder auch Sumadhvavijaya), Nārāyaṇas Biographie des Gurus seines Vaters, beginnt mit einer Beschreibung Hanumāns und Bhīmas, die als die ersten beiden avatāra des Windgottes Vāyu gelten und im Tretā- bzw. Dvāpara-yuga erschienen. Madhvācārya wird als Nummer Drei angesehen und damit als Inkarnation Vāyus im Kali-yuga. Diese Verbindung zwischen Śrī Madhva und Śrī Hanumānji ist es wert näher beleuchtet zu werden. Dies insbesondere, da Trivikrama in der öffentlichen Akzeptanz Madhvas als jene dritte Inkarnation Vāyus eine beeinflussende Rolle spielte. Darüber hinaus sind viele Einzelheiten aus dem Leben dieses großen Ācāryas – als solche bezeichnet man Lehrer des vedischen Wissens, welche persönlich diese Lehren verwirklicht haben und ihnen in vollkommener Form folgen – dank dieser wichtigen biografischen Arbeit Nārāyaṇas überliefert.

Das Rāmāyaṇa selbst legt die Geschichte Hanumāns im siebten (und letzten) Band, dem Uttara Kanda, dar. Seine Mutter war die Apsara Añjana und sein Vater, der Windgott Vāyu. Hier gibt es in der Überlieferung zwar Abweichungen, in manchen Versionen wird Śiva als samengebender Vater Hanumāns erwähnt, unstreitig ist jedoch die direkte Verbindung zu Vāyu im Sinne des Konzeptes der avatāra. Hanumān gilt nicht nur als das herausragende Beispiel eines Bhaktas in der transzendentalen Beziehung der Dienerschaft (dāsya-rasa), auch sind seine übernatürlichen physischen Fähigkeiten ein hervorstechendes Merkmal, wie das Rāmāyaṇa an vielen Stellen ausreichend bezeugt.

Nun gilt Śrīla Madhvācārya ebenfalls als eine Manifestation des Halbgottes Vāyudeva und während es Überlieferungen gibt, nach denen sich Madhva selbst als solcher zu erkennen gegeben habe, so muss sein von ihm selbst zur Dvaita Philosophie konvertierter Schüler Trivikrama Paṇḍitācārya als der „Hauptzeuge“ in dieser Angelegenheit angesehen werden. Von Trivikrama stammt das berühmte Gebet Śrī Hari Vāyu Stuthi, ein 41 Verse (ślokas) umfassender Text, zu dem Trivikrama von einem höchst außergewöhnlichen Erlebnis – oder besser gesagt, einer göttlichen Offenbarung, welche ihm Madhva gewährte – inspiriert wurde.

So soll sich Śrīla Madhvācārya eines Tages in Uḍupī in den Tempelraum zu seinen regelmäßigen persönlichen Verehrungszeremonien zurückgezogen haben. Entweder bat er explizit darum, nicht gestört zu werden oder verblieb länger im Tempelraum als üblich, jedenfalls verschaffte sich Trivikrama Einblick, und was er sah, stürzte ihn in einen Ozean der Emotionen, denn offensichtlich hatte nur Śrīla Madhvācārya zuvor den Raum betreten: Er sah, wie der leibhaftige Hanumān Śrī Rāma verehrte, während gleichzeitig Bhīma Śrī Kṛṣṇa Ehrerbietung darbrachte und Madhva selbst seinem Guru Śrīla Vyāsadeva – der bekanntlich ein śaktyāveśa-avatāra ist – huldigte.

Unter dem Eindruck des Gesehenen, verfasste Trivikrama das Vāyu Stuthi und präsentierte es anschließend seinem Lehrer, woraufhin Madhvācārya persönlich am Anfang und am Ende des Textes jeweils zwei ślokas anfügte. Diese Verse, die der Verherrlichung Śrī Narasiṁhas dienen, wurden als Nakha Stuthi bekannt und Madhva verlieh dem Gesamtwerk nunmehr den Namen Śrī Hari Vāyu Stuthi. Obwohl also die schier übermenschliche körperliche Stärke Madhvācārya schon lange weithin bekannt war und eine Beziehung zu Hanumān als auch Bhīma nahelegte (bei letzterem auch die Überlieferung wie Madhva, die im großen Krieg des Mahābhārata von Bhīma verwendete Streitkeule bei einem Besuch des Schlachtfeldes von Kurukṣetra von seinen Schülern ausgraben ließ), so verschaffte doch erst die Beobachtung Trivikrama Paṇḍitācāryas und das daraus resultierende Werk Śrī Hari Vāyu Stuthi Madhvācārya die öffentliche Anerkennung als dritter avatāra Vāyus.

Śrīla Madhvācārya gilt – gemeinsam mit Śaṅkara, Rāmānuja, Lord Śrī Caitanya Mahāprabhu, den sechs Goswamis von Vrindavan sowie in neuerer Zeit Bhaktivinoda Ṭhākura, Bhaktisiddhanta Sarasvatī Goswami und BhaktiVedānta Swami Prabhupāda – als einer der wichtigsten und bedeutendsten Persönlichkeiten nicht nur in den Vaiṣṇava sampradāyas, sondern allgemein in der gesamten religiös-philosophischen Geschichte Indiens.

Um die herausragende Stellung Śrīla Madhvācāryas zu verstehen, ist es erforderlich, ihn in einen historischen Kontext zu setzen. Bevor Śaṅkara im 8. Jahrhundert erschien, hatte sich der Buddhismus in ganz Indien etabliert. Dieser lehnt nicht nur die Autorität der vedischen Schriften ab, sondern verneint auch komplett das Konzept eines persönlichen Gottes. Das Bhāgavata Purāṇa (Śrīmad Bhāgavatam) erklärt dazu, dass Buddha Siddhartha Gautama selbst ein avatāra eben jenes höchsten persönlichen Gottes (Śrī Kṛṣṇa) war, welcher erschien, um sich quasi selbst bzw. die von ihm ausgehenden Veden zu verleugnen, da insbesondere der karma-kanda-Teil dieser Schriften, in welchem Rituale, Opferhandlungen und Zeremonien beschrieben werden, dem Missbrauch anheimgefallen war. Die Menschen benutzten die Vorschriften für vedische Tieropfer, um ungehemmten Fleischgenuss zu rechtfertigen. Daher musste Buddha diese Schriften komplett ablehnen, gleichzeitig eine Unpersönlichkeitslehre etablieren und ahiṁsā (Gewaltlosigkeit) als eines der obersten Prinzipien festlegen.

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Anantheswara Tempels in Uḍupī (während eines Rātha -Yatra-Umzugs) ist auch heute noch das Zentrum der Madhva-Schülernachfolge

Nun, als die Zeit reif war, kam Śaṅkarācārya – eine Inkarnation Lord Śivas – und leitete die Rückkehr zum Wissen um Bhagavān ein. Natürlich kann ein seit Jahrhunderten bestehendes Glaubenssystem nicht von heute auf morgen oder von einer Person allein in ein völlig gegenteiliges umgewandelt werden und daher konnte Śaṅkara auch lediglich den ersten Schritt tun. Er führte die vedischen Schriften wieder ein, interpretierte sie aber im Sinne des Buddhismus, setzte somit die individuellen jīvas (Seelen), deren Pluralität er verneinte, und Bhagavān (dem Höchsten Gott) gleich. Diese Philosophie des unpersönlichen Monismus wird auch als nichtdualistischer Vedānta (Advaita Vedānta) bezeichnet.

Rāmānujācārya, der zu Beginn des 11. Jahrhunderts erschien, machte den nächsten Schritt. Er schränkte den Nichtdualismus insoweit ein, als dass er Unterschiede zwischen dem Höchsten Brahman (Parabrahman) und den jīvas erkannte, diese also als auf ewig individuelle Fragmente des Parabrahmans identifizierte. Dies bedeutete zwangsläufig, dass die jīvas eine niemals endende Beziehung zum Höchsten haben, welche keinesfalls auf māyā, also Illusion, beruht, sondern absolut real ist. Illusorisch ist lediglich, diese faktische Beziehung unter dem Einfluss der Materie zu vergessen.

Madhva setzte schließlich diesen Weg fort und vertrat Rāmānujas Auffassung der ewigen Dualität von Gott und den Seelen mit Nachdruck. Seine Philosophie, hauptsächlich bekannt unter dem Namen Dvaita (oft auch als Tattvavāda bezeichnet), beinhaltet im Wesentlichen folgende Aussagen: Gott ist von der materiellen Schöpfung verschieden, und ebenso unterscheiden sich die jīvas von der Materie, da sie abgesonderte Teile der spirituellen Energie des Höchsten sind. Die jīvas sind aber vom unabhängigen Gott abhängig, der das Universum erschafft, erhält und vernichtet. Die ewige Beziehung zwischen Paramātma und jīvātma ist die eines Meisters und eines Dieners. Jene, die aufgrund ihres freien Willens diese Beziehung verlassen möchten, werden, anstatt durch Gottes spirituelle Energie, in der materiellen Welt durch die materielle Energie kontrolliert. Madhva erklärte bhakti (liebevolle Hingabe zum Höchsten) zum Schlüssel der Aufhebung allen Karmas und der ersehnten Rückkehr der jīvas in die spirituelle Welt.

160616-madhva02Damit kam Madhva der Philosophie Śrī Caitanya Mahāprabhus, der im späten 15. Jahrhundert erschien, sehr nah. Mit Caitanya, einer direkten Verkörperung Bhagavāns, wurde dann schließlich der Zenit der theistischen Lehre des Vischnuismus erreicht. Caitanya predigte bedingungslose Hingabe (bhakti) zu Gott und begründete die alles erklärende Philosophie des acintya-bhedābheda-tattva, des gleichzeitigen Eins-und-verschieden-seins von Gott und seinen abgesonderten, fragmentarischen Teilen, den ewig individuellen Seelen. Damit waren dann auch die Philosophien sowohl der Dvaita als auch der Advaita Schulen miteinander versöhnt worden – schließlich hat auch der persönliche Gott eine unpersönliche, wenn auch dem persönlichen Aspekt untergeordnete Seite.

In diesem Rahmen wird also der große religiöse Beitrag und die geschichtliche Bedeutung Madhvācāryas deutlich. Ohne ihn hätten wir heute höchstwahrscheinlich ein vollkommen anderes Bild der Bedeutung der vedischen Schriften, weswegen man zu Recht behaupten kann, Madhvācārya ist verantwortlich für eine bedeutende historische Wendung in der Religionsgeschichte Indiens. Seine bekannteste Pose ist der erhobene rechte Zeige- und Mittelfinger, welche die ewig dualistische Position von Parabrahman und jīva symbolisieren sollen.

Schon vor seiner Geburt, aber speziell natürlich während seines sichtbaren Aufenthalts auf Erden, deutete vieles darauf hin, dass es sich bei Madhva um eine sehr außergewöhnliche Persönlichkeit handelte. So ist niedergeschrieben, dass sein Vater Madhyageha Bhatta während eines Besuchs des Anantheswara Tempels in Uḍupī – noch bevor seine Ehefrau schwanger wurde – Zeuge eines Vorfalls wurde, den er sich zu dieser Zeit nicht erklären konnte. Ein offensichtlich geistig verwirrter Mann klettere dabei auf einen Flaggenmast, erklärte den verdutzten Menschen auf dem Vorplatz des Tempels, eine Vāyu-Inkarnation würde bald erscheinen und verschwand dann wieder in der Menge. Dies sollte der Auftakt zu einer Reihe von Ereignissen in Madhvas Leben sein, welche man mangels empirischer Erklärung durchaus in die Kategorie Wunder einordnen mag. Es ist dabei nur logisch, dass Madhva, ein lebenslanger Asket (naisthika brahmacari), die mystischen Fähigkeiten (siddhis) von Geburt an besaß. Darauf deuten die ihm zugestandenen Fähigkeiten wie in die Zukunft zu sehen, den Geist von übelgesinnten Personen kontrollieren zu können oder den Ganges ohne Hilfsmittel zu überqueren ohne auch nur im Geringsten nass zu werden hin. Somit trifft die Bezeichnung lila („göttliches Spiel“) auf die Taten im Leben Madhvācāryas vollständig zu. Dies nicht zuletzt, da der glaubwürdige Nārāyaṇa Paṇḍitācārya in einem anderen Werk (der „Bhāvaprakashika“) betont, er habe in seiner „Śrī Madhva Vijaya“ ausschließlich Begebenheiten geschildert, die er entweder selbst bezeugen könne oder für die es mindestens zwei voneinander unabhängige Zeugen gibt.

Über das genaue Jahr seines Erscheinens – oder seiner Geburt, um es empirisch auszudrücken – gibt es keine völlig zuverlässigen Quellen. Allgemein wird akzeptiert, dass Madhvācārya 1238 als Sohn Madhyageha Bhattas, eines reinen Brahmanas, und seiner Frau Vedavati in Pajaka nahe der Stadt Uḍupī Geburt nahm und den Namen Vāsudeva erhielt. Nārāyaṇa Paṇḍitācārya erklärt, dass Vāyu (Mukhya Prana) auf Bitten des höchsten Gottes in den Körper von Baby Vāsudeva erst nach der Geburt anstelle einer „niederen“ Seele einging. Aufgrund seiner Stellung als Halbgott war Vāyu nicht verpflichtet, die Leiden des Aufenthalts im Mutterleib sowie der Geburt erdulden zu müssen.

Es ist bekannt, dass Vāsudeva – der spätere Madhva – schon als Baby sehr kräftig und mit übernormalem Appetit gesegnet war. Diese Eigenschaft behielt er offensichtlich lebenslang, denn die Geschichte, wie er von einem Schüler über 200 Bananen erhielt und diese – im Anschluss an eine vollständige Mahlzeit! – am Stück verzehrte, gehört in jede kontemporäre Lebensbeschreibung des heiligen Ācāryas. Nichtsdestoweniger macht sich diese Story fast schon als kleine Vorspeise aus, denn im Verlauf der Śrī Madhva Vijaya schildert Nārāyaṇa Paṇḍitācārya von einer Begebenheit, bei der Madhva 4.000 Bananen mit 30 großen Töpfen Milch hinunterspült, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Auch seine Gelehrigkeit war außergewöhnlich und für sein Alter höchst erstaunlich: Er bekam schon mit drei Jahren Unterricht, und als sein Vater begann, ihm das Alphabet beizubringen, fragte er schon am zweiten Tag, warum er denn erneut lernen sollte, was er am Vortag schon vollumfänglich begriffen hatte. Bald konnte Vāsudeva die Schriften studieren und erläuterte puranische Texte im zarten Alter von fünf Jahren fundierter als manche sogenannten panditas (vedische Gelehrte). Es schien, als müsste er nicht einmal richtig lernen, er kannte die Texte und ihre Bedeutung einfach, und zwar vollständig und korrekt. Seine verwunderten Lehrer merkten schnell, dass es wenig bis nichts gab, was sie dem jungen Vāsudeva beibringen konnten. Zwar machten sie sich anfänglich Sorgen, ob Vāsudeva nicht zu sehr dem Sport als dem Lernen zugeneigt sein könnte, aber diese Sorgen waren ohne Grund.

160616-madhva06Tatsächlich konnte sich Vāsudeva während seiner Besuche der gurukula dank seiner den Altersgenossen hoch überlegenen physischen Stärke als ausgezeichneter Sportler mit einem extrem ansehnlichen Körper profilieren: Egal ob es um Wettrennen, Schwimmen, Weitsprung, Gewichtheben oder Ringen ging – Vāsudeva nahm es mit jedem auf und soll stets siegreich geblieben sein. Auch in seinem späteren Leben und sogar im hohen Alter manifestierte er diese körperlichen Kräfte wiederholt, so wie auch von Hanumān und Bhīma außergewöhnliche physische Fähigkeiten überliefert sind. In unserer heutigen Zeit wäre Madhvācārya von den körperlichen Voraussetzungen her sicher der Prototyp eines Sportsuperstars gewesen. Die Geschichte von zwei Brüdern, die sich mit Madhva messen wollten, ist fast schon zum Schmunzeln geeignet: Der wie immer sehr zugängliche Ācārya ließ die beiden Kraftpakete mit vereinten Kräften seinen Hals würgen, während er ruhig sitzen blieb und normal weitersprach. Wohlgemerkt, es handelte sich bei dem Duo um Männer, welche nachweislich zu den kräftigsten der Gegend gehörten. Das Schauspiel endete damit, dass die Brüder irgendwann schweißgebadet und kraftlos zu Boden sanken und von Madhvas Schülern erfrischt werden mussten. Madhva ließ die beiden wieder zu Kräften kommen und gewährte den Angebern eine zweite Chance: Er presste einen Finger auf den Boden und forderte sie auf, irgendwie den Kontakt zwischen Finger und Boden aufzuheben. Auch diese Herausforderung ging daneben: Die vor Kraft strotzenden Brüder schafften es nicht einmal Madhvas Finger auch nur zu bewegen. Dies ist beileibe nicht das einzige überlieferte Beispiel für Madhvas unglaubliche Physis. Einmal nahm er es mit einem angreifenden Tiger auf und benötigte nur einen Schlag um diesen unschädlich zu machen. Als er einmal bemerkte, dass einige seiner Schüler Stolz auf ihre Stärke entwickelten, befahl er fünfzehn von ihnen ihn selbst, ihren Guru, mit voller Stärke zu attackieren – und warnte vor einem guru-aparādha (Vergehen gegen den Guru, z.B. seine Anweisung zu missachten) sollten sie sich bei ihrem Angriff zurückhalten. In der Folge bezwang der kämpfende Heilige alle fünfzehn mit spielerisch anmutender Leichtigkeit! Interessanterweise findet sich bezüglich Madhvas Physis nirgendwo auch nur der leiseste Hinweis darauf, dass er jemals so etwas wie Unwohlsein oder Müdigkeit verspürte, von einer Erkrankung ganz zu schweigen. Es ließen sich auch keine Haare aus Madhvas Körper auszupfen und er behielt diese übermenschlichen körperlichen Fähigkeiten Zeit seines Lebens. Als er wahrscheinlich um die 70 Jahre alt war, befahl er zwei Schülern, ihn mit den Fäusten auf die Nase zu boxen. Obwohl sie dies mit voller Kraft taten, passierte – nichts. In Bezug auf Madhvas sichtbaren Körper wird des Öfteren bezeugt, er habe neben einer perfekten Proportion die zweiunddreißig glückverheißenden körperlichen Merkmale aufgewiesen, welche in den heiligen Schriften, besonders der Samudrika Śāstra, als Kennzeichen für göttliche Inkarnationen angeführt werden.

Die Liste der unerklärbaren Taten Madhvācāryas lässt sich bei genauem Studium der Śrī Madhva Vijaya noch um einiges verlängern und bezieht sich keineswegs nur auf seine physische Stärke. Einmal, so wird geschildert, tötete er als Kind eine gefährliche Schlange, indem er nur seinen großen Zeh dafür verwendete. Später benutzte er ebendiesen Zeh, um seinen Schülern zu ermöglichen, nach Anbruch der Dunkelheit das Schriftenstudium fortzusetzen, indem er helles Licht von diesem ausstrahlen ließ, hell genug um den Raum zu erleuchten. Ein anderes Mal beruhigte Madhva mit einer simplen Geste das aufgewühlte und stürmische Meer, welches innerhalb von Sekunden ruhig wie ein See wurde.

Seine Hingabe zu Bhagavān manifestierte sich ebenfalls relativ früh in großem Maße. Mit drei Jahren schlich sich Vāsudeva von einer Familienfeier fort, besuchte drei Tempel, um darśana (das Betrachten der Bildgestalten auf einem Altar) zu nehmen und legte dabei sieben Kilometer zu Fuß zurück. Im Alter von fünf Jahren vollzog Madhyageha die upanayana-Zeremonie und verlieh so seinem Sohn die heilige Schnur der Brahmanas. Vāsudevas Zuneigung zur Entsagung war derart ausgeprägt, dass er schon mit zehn Jahren unter dem Namen Pūrṇaprajña in den sannyasa-Stand eingeweiht wurde. Da Sannyasis alle Verbindungen zu materiellen Pflichten auflösen, bekam Vāsudeva erst nachdem seinen Eltern ein zweiter Sohn geboren war, deren Erlaubnis zu diesem Schritt. Kurz darauf erhielt Pūrṇaprajña den Ehrentitel „Ananda Tirtha“ in Anerkennung seiner ungewöhnlichen Gelehrtheit. So erstaunte er seinen hochangesehenen Guru Acyutaprajña, indem er alle vedischen Rituale ohne vorherige Anleitung korrekt ausführte. Tatsächlich stellte sich schnell heraus, dass es Pūrṇaprajña war, von dem sein Guru noch lernen konnte! Und nicht nur er, denn viele gestandene Gelehrte landauf, landab zogen in philosophischen Diskussionen gegen das Kind im Gewand eines Asketen den Kürzeren. Diese höchst erstaunliche Manifestation großen Wissens gipfelte nicht nur in ausgedehnten Vortragstourneen und stets erfolgreichen Debatten in ganz Indien, sondern auch in einer wahren Bibliothek an Schriften. Trotz großer Opposition der Māyāvadis [Philosophen der Unpersönlichkeitslehre], widerlegte Madhva die philosophischen Defekte der Advaita-Schule vollständig. In seinen Büchern erläuterte er seine eigene Dvaita-Philosophie, außerdem gehört eine große Anzahl an Kommentaren überlieferter vedischer Schriften zu seinem Lebenswerk. Dieses literarische Erbe liefert einen handfesten Beweis der Genialität als auch eine Erklärung des seit vielen Jahrhunderten andauernden Ruhms Madhvācāryas, der sich schließlich diesen Namen offensichtlich selbst zulegte, aus Gründen, die vermutlich dem Dunkel der Geschichte nicht mehr entrissen werden können.

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Der große Weise und Verfasser der Veden Śrīla Vyāsadeva im Himalaya

Die wohl wichtigste Station seines frühen Lebens – nach welcher Madhva sein vielleicht wichtigstes Werk verfasste – war sein sagenumwobener Aufenthalt in Badarikā, jenem mystischen Ort im Himalaya, an dem sich der Autor der vedischen Schriften, Śrīla Vyāsadeva, noch immer aufhalten soll. Madhva wollte zweifellos die Quelle der schriftlichen Darstellung der bis zum Wechsel vom Dvāpara- zum Kali-yuga vor gut 5.000 Jahren mündlich überlieferten, zeitlosen Veden finden. Während ein ihn begleitender Schüler im Laufe des Aufstiegs in den Himalaya kapitulierte, setzte Madhva seinen Weg mehr oder weniger mühelos fort. Dies war umso erstaunlicher, da er nach über eineinhalb Monaten vorherigem Fasten in Badrināth am Ufer des Alakananda eigentlich hätte geschwächt sein müssen. Dennoch führte Madhva die Mission zu einem Erfolg. So soll er tatsächlich dort auf den für gewöhnliche Menschen im Kali-yuga nicht mehr sichtbaren (bzw. im besten Fall als sehr helles Licht wahrnehmbaren) Vedavyāsa getroffen, von ihm eingeweiht und unterwiesen worden sein. Im Anschluss daran verfasste Madhva einen ausführlichen Kommentar zur Brahma Sutra (Vedānta Sutra), sein möglicherweise größter und bedeutendster literarischer Beitrag zur vedischen Śāstra. Damit erfüllte Madhva den Grund und Sinn dieser seiner dritten Inkarnation. Später kehrte er nochmals an diesen heiligen Ort, an welchem sich die dort lebenden Asketen nur durch Luft ernähren, zurück, um sich der Zustimmung Vyāsadevas zu seinem Brahma-sutra-bhāsya zu versichern.

Im Alter von 79 Jahren verließ Śrīla Madhvācārya 1317 diese materielle Welt – und auch dieses Ereignis, in Sanskrit tirobhāva genannt, umgibt den Hauch des Göttlichen. Im Beisein von Schülern zitierte er auf seinem āsana im Anantheśvara Tempel zu Uḍupī sitzend aus der Aitareya Upaniṣad als plötzlich himmlische Stimmen einen Lobgesang anstimmten und ihn für alle Anwesenden sichtbar mit wohlriechenden Blumen überschütteten. Mit dieser Szene endet die Śrī Madhva Vijaya und deutet damit lediglich an, dass der jagatguru in diesem Moment der weltlichen Sicht entschwand. Von Madhva war nicht mehr die geringste Spur zu finden. Aus diesem Grund gibt es auch keinen samādhi in welchem sich Madhvas Körper befindet (traditionell werden die materiellen Körper hoher spiritueller Meister nicht wie üblich verbrannt, sondern in einem sogenannten samādhi beigesetzt). Uḍupī ist bis auf den heutigen Tag das Zentrum der Verehrung Madhvācāryas und seine Anhänger gehen davon aus, dass er entweder in die spirituelle Welt entschwand oder auf ewig in Badarināth residiert, wo er zu den Lotusfüßen Śrīla Vyāsadevas seine Studien der Veden fortsetzt. Dort war ihm viele Jahre zuvor, bei seinem ersten Besuch Vyāsas, von Nārāyaṇa persönlich, dessen Audienz (darśana) er zusammen mit Vyāsa erhielt, offenbart worden, er würde im nächsten kalpa (= ein Tag Brahmas bestehend aus 1.000 divya- oder catur-yugas, d.h. 4,32 Milliarden Erdenjahre) den Posten Brahmas bekleiden.

160616-madhva05Olaf Schröder ist gelernter Bankkaufmann, aber seit Mitte der 80er Jahre im professionellen Sportmanagement tätig. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Bielefeld, hat einen Abschluss als Ayurveda Gesundheitsberater von der Vedenakademie und beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt intensiv mit der Gaudiya-Vaiṣṇava-Philosophie sowie Bhakti-Yoga-Praktiken.

Category: Bücher, Diverses, Olaf Schröder, Vedische Klassiker

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