Warum Reinkarnation Ātman benötigt

Sachliche Kritik am Buddhismus

| 29. August 2018 | 0 Kommentare

ReincarnationCycle

von RAPHAEL REISENDER

Gedankenauszug aus einer Diskussion: Das von uns empfundene Selbst, also die sog. „Persönlichkeit“, wird grundsätzlich mit jedem Leben neu geschaffen. Auch die Veden behaupten nicht, dass die Persönlichkeit (im materiellen Sinne) ewig ist – häufig wird die transzendente Individualität mit dem materiellen Ego verwechselt. Ganz im Gegenteil: Persönlichkeit entsteht durch eine falsche Identifikation des Menschen mit verschiedenen begrenzten, vergänglichen Dingen, meistens mit dem Körper (ahamkāra). Diese Identifikation führt zu Anhaftung, Karma und Wiedergeburt. An dieser Stelle wird für mich der buddhistische Standpunkt nicht mehr nachvollziehbar: wenn ich doch annehme, dass mein Karma in irgendeiner Weise die Existenz einer anderen Persönlichkeit bedingt, dann muss ich eine Vorstellung davon haben, wie dieses Karma die andere Persönlichkeit bedingt.

Karma ohne bindendes Selbst

Für mich ist Karma, dem kein Träger wie ein Ātman zugrunde liegt, etwas, was sich auf beliebig viele Persönlichkeiten verteilen kann, weil es eben keine Bindung hat. Wenn ich aber annehme, „mein“ Karma geht auf eine andere Persönlichkeit über, ist Karma gebunden, nämlich an genau diese Verbindung. Sollte ein (den Tod überdauerndes) Selbst nicht existieren, kann es nur bedeuten, dass Karma nach meinem Tod ungebunden ist und völlig beliebig und frei, (mehrere) andere Persönlichkeiten bedingt oder meine eigene Persönlichkeit durch das Karma von beliebig vielen Menschen bedingt wird. Daher scheint mir hier ein gewisser Widerspruch zu existieren: anzunehmen, Karma verhalte sich so, als wäre es durch ein ewiges Selbst gebunden, und gleichzeitig zu behaupten, es gebe kein ewiges Selbst, das Karma bindet. Karma (u.a.) verursacht Wiedergeburt. Es ist die Bedingung, die zu Wiedergeburt führt. Da aber Karma von Persönlichkeit A irgendwie eine Persönlichkeit B bedingt, bedeutet das folglich, dass Karma an etwas gebunden ist, das den Tod von Persönlichkeit A überdauert und sich zur Geburt von Persönlichkeit B erstreckt, und Karma so bindet, dass es ausschließlich Persönlichkeit B bedingt und sich nicht in einem Meer karmischer Bedingtheiten verliert.

Das buddhistische Ālaya-Bewusstsein

Wenn Reinkarnation ohne Ātman angenommen wird, haften die karmische Informationen nicht an einer ewigen Seele an, die als Kontinuität zwischen zwei Existenzen betrachtet werden muss. Vielmehr sind die karmischen Informationen oder „Karma Samen“ ungebunden und in dieser Ungebundenheit nichts, was von einer Persönlichkeit zur nächsten Persönlichkeit geht. Vielmehr müssten diese Informationen in einen Pool eingehen, aus dem weitere Persönlichkeiten bedingt werden. Dieser Pool gilt im Buddhismus als Ālaya-Bewusstsein. Dieses Bewusstsein liegt hinter den Täuschungen des „Ich“, oder, um mit den Veden zu sprechen, hinter Ahamkāra, dem „falschen Ego“ oder auch „Ich-Macher“ (aham-kāra). Insofern ist interessant, dass Lama A. Govinda schreibt, dass es nicht das Ziel des Buddhisten sei, im Grenzenlosen aufzugehen, sondern sich seiner seit jeher bestehenden Ganzheit bewusst zu werden (Grundlagen tibetischer Mystik, S. 87)

Was Buddha während seiner ersten Nachtwache erkannte, könnte die Verwirklichung eben dieser Ganzheit sein, in der sich Informationen über das Karma und die Geburten befinden:

Ich erinnerte mich an viele frühere Leben, das heißt, an eine Geburt, zwei Geburten, drei Geburten, vier Geburten, fünf Geburten, zehn Geburten, zwanzig Geburten, dreißig Geburten, vierzig Geburten, fünfzig Geburten, hundert Geburten, tausend Geburten, hunderttausend Geburten, viele Äonen, in denen sich das Weltall zusammenzog, viele Äonen, in denen sich das Weltall ausdehnte, viele Äonen, in denen sich das Weltall zusammenzog und ausdehnte: ‚Dort wurde ich soundso genannt, war von solcher Familie, mit solcher Erscheinung, solcherart war meine Nahrung, so mein Erleben von Glück und Schmerz, so meine Lebensspanne; und nachdem ich von dort verschieden war, erschien ich woanders wieder; auch dort wurde ich soundso genannt, war von solcher Familie, mit solcher Erscheinung, war meine Nahrung solcherart, so mein Erleben von Glück und Schmerz, so meine Lebensspanne; und nachdem ich von dort verschieden war, erschien ich hier wieder.‘ So erinnerte ich mich an viele frühere Leben mit ihren Aspekten und Besonderheiten. – Majjhima Nikāya 36:38

Verwirklichung: Ālaya-Bewusstsein = Selbst-Bewusstsein

Das wirklich spannende an dieser Stelle ist, dass das Sanskritsubstantiv ālaya soviel wie „Seele“ oder „Selbst“ bedeutet – verwandt ist es mit dem Adjektiv Ālaya, das „nicht zugrundegehend“ meint. Die Verwirklichung eben dieser Ganzheit ist nichts weiter als die in den Veden beschriebene Verwirklichung des Selbst.  So finden wir bereits vielfach in den vedischen Schriften den Hinweis darauf, dass die Selbst-Verwirklichung der Schritt ist, sich dem ursprünglichen absoluten Bewusstsein zu nähern. So wird die Überseele, der persönliche Aspekt des ursprünglichen Bewusstseins, in der Bhagavad-gita 15.15 als Zugang zu „Erinnerung und Wissen“ beschrieben. Dass dieser Ansatz monistisch wirkt, soll mich an dieser Stelle nicht stören, denn aus den Veden wissen wir, dass die Seele qualitativ identisch mit dem Unpersönlichen ist: aham brahmāsmi – „Ich bin Brahman“, was Ausdruck dessen ist, dass die Seele nicht der Körper ist: „Die individuelle Seele und die Überseele sind der Eigenschaft nach eins, und deshalb kennt man sie beide als Brahman“ (A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, Nektar der Hingabe, S. 46).

bhagavatam_quadratĀlaya-Bewusstsein als das absolute Brahman

Den Veden nach ist die Läuterung der subjektiv-persönlichen Wahrheit durch den unpersönlichen Aspekt der Wahrheit, die Brahman-Erkenntnis, die nicht zum Verlust der individuellen Seele führt (Erläuterung zu Bhagavad-gita 14.26 von Srila Prabhupada auf S. 663), als ein Vorgang sehen, der den Blick auf die eigentliche Wahrheit ermöglicht: dem persönlichen Aspekt des ursprünglichen Bewusstseins (Ālaya-Bewusstsein), der sich in der Erfahrung des Paramātma und Ātman formuliert (vgl. A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, Nektar der HingabeS. 46). Deswegen ist der Gedanke nicht verkehrt, dass Ātman ein Aspekt des absoluten Bewusstseins ist, innerhalb von Samsāra als zusammenhängende, individuelle Kraft zu wirken und unserer Wiedergeburt eine konkrete Zielrichtung zu geben. Hier  verwirklicht sich die Idee der Veden, dass der Mensch einerseits seine Identität mit Brahman erkennt, andererseits durch diese Identität seine Differenz verwirklicht, die sich im Ātman formuliert.

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