Sex, Liebe und Spiritualität

Zwischen körperlichen Bedürfnissen und spiritueller Vollkommenheit

| 25. Februar 2014 | 0 Kommentare
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Liebe bedeutet Verantwortung füreinander zu übernehmen, auch was den spirituellen Fortschritt betrifft. Foto © by JMG / pixelio.de

von HRIDAYANANDA DAS GOSWAMI —

Frage: Kann für jemanden, der Krishna-Bewusstsein praktiziert, Sex ein Ausdruck von Liebe sein?

Hridayananda Das Goswami: Hier sind ein paar Punkte:

1.) Materielle Dinge sind moralisch neutral. Sie werden erst gut oder schlecht, wenn sie benutzt werden, um echtes Glück oder Leid zu erzeugen. Prabhupada gab das Beispiel eines Skalpells in den Händen eines erfahrenen Chirurgen oder eines Gewaltverbrechers.

2.) Sex ist selbstverständlich eines der „neutralen“ menschlichen Betätigungen, und Krishna sagt in der Gita 7.11, „Ich bin sexuelle Liebe (kama), die sich nicht im Widerspruch zu dharma [zu den religiösen Prinzipien] befindet.“

3.) In seinen Lehren definierte Prabhupada „unzulässige Sexualität“ häufig als „Sex außerhalb der Ehe“ und er gab auch eine strengere Definition, nämlich „Sex nicht zum Zweck der Fortpflanzung“. Somit haben wir beide Standards. Viele grihasthas [Verheiratete im Krishna-Bewusstsein] folgen dem einfacheren Standard, der im Anbetracht unserer heutigen, modernen Zeit immer noch als bewundernswert angesehen werden kann.

4.) Was Sex als einen Ausdruck von Liebe betrifft, glaube ich, dass es fair ist, wenn wir sagen, dass die Art und Weise, wie wir Zuneigung, Fürsorge und ähnliche Gefühle ausdrücken, von unserem Fortschritt im Krishna-Bewusstsein abhängig ist. Hierbei gibt es das vortrefflich Beispiel von Butter und Ghee. Im Supermarkt erhalten wir „Reine Butter“ und wenn wir diese Butter in Scheiben schneiden, finden wir als Inhalt nichts weiter als Butter. Erst wenn wir die „reine“ Butter in einem Topf erhitzen, trennen sich langsam zwei Komponenten voneinander: reines Butteröl, auch Ghee genannt, und die sogenannten Unreinheiten, die abgeschöpft und gegebenenfalls für andere Zwecke verwendet werden.

Und hier kommt der Vergleich: Auf der Anfangsstufe des Krishna-Bewusstseins haben beinahe alle Adepten einfach zu verstehende, einheitliche Emotionen wahrgenommen wie z.B. Liebe, Hingabe, Enthusiasmus usw. Mit dem weiteren Verlauf unseres Lebens, während wir uns im Feuer der spirituellen Praxis aufhalten (was oftmals eine echte Herausforderung sein kann), lernen wir uns immer tiefer kennen, und verstehen, dass unsere anfänglichen einfach zu verstehenden Gefühle wie Enthusiasmus, Liebe und Hingabe noch andere Komponenten beinhalten, nämlich reine spirituelle Gefühle, aber eben auch weniger reine Emotionen und Wünsche, die aus subtilen materiellen Anhaftungen und Beweggründen herrühren. Diese Erkenntnis lässt sich nicht nur auf unsere persönlichen Beziehungen anwenden, sondern auch auf „reine“ Dienstrollen wie die eines Buchverteilers, eines Tempelleiters oder eines Predigers. Prabhupada lehrte, dass Krishna-Bewusstsein ein allmählicher Vorgang ist, durch dessen geduldiger Praxis wir uns selbst Schritt für Schritt besser kennenlernen können.

Ein fortgeschrittener Krishna-Geweihter, der sich ganz klar als eine reine spirituelle Seele jenseits des materiellen Körpers wahrnimmt, und versteht, dass körperliche Anhaftungen dem reinen Bewusstsein entgegenstehen, fühlt sich weniger geneigt, Liebe und Zuneigung in einer Form auszudrücken, die den Körper hochgradig stimulieren und befriedigen. Selbstverständlich drücken auch reine Seelen ihre Zuneigung durch nicht-sexuelle körperliche Handlungen aus wie z.B. durch eine liebevolle Umarmung. Ja, wir finden solche Ausdrücke der Liebe sogar in den ewigen Spielen des Herrn.

Prabhupada war sich darüber im Klaren, dass Krishna-bewusste Adepten Schrittweise eine höhere Stufe erreichen. Und deshalb gab er zwei Definitionen davon, was den Unterschied zwischen angemessener und unzulässiger Sexualität ausmacht, wie bereits oben beschrieben.

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Srila Prabhupada, der Gründer der ISKCON, pflegte in den Anfangsjahren der Bewegung seine Schüler und Schülerinnen persönlich zu verheiraten (Foto von ca. 1968)

Frage: Ich kann es wirklich wertschätzen, was du über die beiden Standards der unzulässigen Sexualität gesagt hast und dass es sich beim Krishna-Bewusstsein um einen schrittweisen Vorgang der wachsenden Reife handelt. Das möchte ich mir klarer vor Augen halten. Ich habe viele Krishna-Geweihte gesehen, mich mit eingeschlossen, die versucht haben, einen künstlichen Standard einzuhalten, doch diesen dann schnell wieder verworfen haben. Es ist sicher gut, diesen hohen Standard auf längere Sicht anzupeilen, doch macht es für mich jetzt noch keinen Sinn, diesen voreilig zu praktizieren. Ich halte es für weiser, mich langsam, Schritt für Schritt, dieser Ebene zu nähern und hoffentlich auf diese Weise fester verankert zu werden.

Obwohl ich den „unreinen Nicht-Ghee-Teil“ einer liebevollen sexuellen Beziehung noch nicht ganz erkenne, kann ich mir dennoch gut vorstellen, was du damit meinst, und dass ich die höhere Ebene einer solchen Partnerschaft irgendwann einmal erreichen werde. Eine ähnliche Erfahrung habe ich mit Alkohol gemacht während meiner Zeit auf dem College. Ich war zwar nie ein großer Trinker, doch, um mich sozial aufzulockern, pflegte ich stets ein paar Gläser auf Partys und bei anderen Gelegenheiten mitzutrinken. Doch nachdem ich einen spirituellen Pfad aufgenommen hatte, stellte ich zunehmend fest, dass mir der Alkohol nicht mehr dienlich war. Statt dass er mir zur Entspannung verhalf, wurde das Trinken zunehmend eine Ursache von Angst und Unruhe. Schon bald gab ich das Trinken komplett auf, doch nicht als eine Geste großer Reinheit, sondern ganz einfach, weil ich mein Interesse daran verloren hatte. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich an einem gewissen Punkt meines Lebens zu der ähnlichen Erkenntnis gelange, dass mich Sex einfach nicht voranbringt. So bin ich dir dafür dankbar, dass du mich nicht bereits jetzt auf künstliche Weise dazu drängen willst, diese höhere Stufe einzuhalten.

Hridayananda Das Goswami: Hier sind noch ein paar weitere Punkte:

1.) Dein Grundsatz langsam, aber stetig fortzuschreiten ist weise und Krishna-bewusst. Prabhupada würde dir applaudieren.

2.) Du hast ein vortreffliches Beispiel gegeben bezüglich deiner vorübergehenden Trinkangewohnheit. Auch ich habe oftmals die Erfahrung gemacht, dass ich in gewissen Lebensphasen stark von bestimmten Anschauungen und Handlungsweisen überzeugt gewesen bin und mich nur schwer davon abbringen ließ. Ich konnte diese Anhaftungen aber später trotzdem überwinden, weil ich ein wesentlich tieferes und zufriedenstellenderes Verständnis vom Leben entwickelt hatte.

3.) Krishna erklärt in der Bhagavad-gita 2.59, dass wir uns von unseren Anhaftungen nicht künstlich lossagen können. Nur indem wir spirituell wachsen und etwas Höheres im Auge haben, können wir auf natürliche Weise frühere Lebensgewohnheiten überwinden, ähnlich wie ein Kind auf natürliche Weise sein Interesse an altem Spielzeug verliert.

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Hridayananda Das Goswami (Dr. Howard Resnick) ist seit 1978 einweihender spiritueller Meister in der ISKCON

5.) Solange wir einen materiellen Körper haben, beansprucht der Körper ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit und Befriedigung. Und Krishna sagt, dass wir unseren menschlichen Bedürfnissen in ausgewogener Weise nachgehen sollen. Zur selben Zeit behalten wir unser spirituelles Ziel, unser wahres spirituelle Zuhause im Auge, unsere wirkliche Zukunft, unsere wirkliche Liebe. Und durch stetige Praxis werden unsere langgehegten spirituellen Träume schon bald zu Wirklichkeit.

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Übersetzung aus dem Amerikanischen von P.T.Rabe

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Category: Diverses, Fragen & Antworten, Hridayananda Dasa Goswami, Sexualität

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