Kommt Zeit, kommt Rath, kommt Jagannath!

Prozessionsfieber von Madras bis Hamburg

| 6. Juli 2012 | 2 Kommentare

Die wichtigste Altargestalt Krishnas, die im südindischen Madras (Chennai) residiert, ist unter dem Namen Partha-Sarathi bekannt. Wie in vielen Krishna-Tempeln üblich, geht der Herr an Festtagen hinaus auf eine Prozession. Die große Hauptaltargestalt bleibt dabei jedoch im Tempel, und die pujaris, die Priester, bringen den Herrn in einer kleineren Altarfigur für einen Spaziergang hinaus. Diese Form wird utsava-murti genannt, was soviel wie „Festival-Form“ bedeutet.

* * * * *

Die Prozession

„Amma“ [tamilisch: Mama], rief ich, während ich meine Schultasche niederfallen lies. „Ich hab‘ Hunger!” Ich kam gerade aus der Schule und wollte schnell wieder hinaus, spielen.

„Aber wasche deine Hände und Füße zuerst,“ erwiderte meine Mutter aus der Küche. Ich rannte also ins Badezimmer, spritzte hastig alles voll mit Wasser und rannte dann wieder in die Küche.

„Ich sah eine Prozession mit Partha-Sarathi, die irgendwohin unterwegs war“, sagte ich beiläufig, während ich mich hungrig hinsetzte.

Meine Mutter, die gerade upma, ein indisches Gemüsegericht, aus den Topf löffelte, hielt plötzlich inne, drehte sich zu mir um und ließ eine ganze Salve von Fragen auf mich ab: „Der Herr Partha-Sarathi?! Wo hast du Ihn gesehen? Wieso geht Er heute hinaus und dann noch um Vier Uhr nachmittags?“

„Ich sah Ihn, wie Er auf einer Sänfte getragen wurde, in der Nähe vom Luz. Das ist alles. Ich weiß nicht warum und wohin Er unterwegs ist. Gib mir jetzt endlich mein Essen! Es wird immer später und ich will raus, spielen!“

Meine Großmutter, die immer still in einer Ecke der Küche zu sitzen pflegte, um alles, was passierte, zu beobachten, blätterte nun lebhaft am Wandkalender herum.

„Heute ist der Tag, an dem die Getreidesteuer eingezogen wird,“ verkündete sie. „Die Sänfte wird am Eldamsweg vorbei kommen.“

Meine Mutter begann die Zeit zu berechnen, die es dauern würde, bis die Prozession den Eldamsweg erreicht, welcher nur einen Häuserblock von unserer Straße entfernt vorbeiführte.

„Wann hast du genau die Prozession am Luz gesehen?“, fragte sie nachhakend.

Ein gemaltes Bild von der Altargestalt Partha-Sarathi. Fotos sind in diesem Tempel nicht erlaubt.

Um halb vier“, erwiderte ich, „kurz bevor ich in den Bus stieg.“

„Das bedeutet, dass Er in zwanzig Minuten hier sein wird“, sagte meine Mutter, deren Stimme jetzt von Aufregung erfüllt war. „Was kann ich für den Herrn in zwanzig Minuten zubereiten?“

Rava-keshari – das ist das einfachste“, antwortete meine Großmutter mit nüchterner Wachsamkeit. Rava-keshari ist eine köstliche Süßspeise aus Grieß, ähnlich wie Halava.

Und schon hatte meine Mutter die Eisen-Wok auf den Herd gestellt und einen Messbecher Grieß hineingestreut, während sie gleichzeitig einen Topf mit Wasser zum Kochen brachte.

„Was ist das eigentlich für ein Tag, an dem die Getreidesteuer eingezogen wird?“, fragte ich und fand mich mit einem verzögerten Essen ab.

„Einmal im Jahr besucht Partha-Sarathi die Anbaufelder außerhalb der Stadt“, erklärte meine Mutter. „Einige dieser Felder sind nämlich Seine Besitztümer und so häufen die Bauern das erwirtschafte Getreide vor dem Herrn zu einem Hügel auf, messen den Ertrag und geben einen Teil der Ernte dem Herrn als Steuer. Mit diesem Getreide werden während des ganzen Jahres Speisen im Tempel zubereitet und der Altargestalt als Opfer dargebracht.“

„Warum muß der Herr hinaus gehen?“ fragte ich. „Reicht es nicht, wenn die Priester das Getreide einfach einsammeln?“

„Nun, die pujaris sind der Meinung, dass, wenn der Herr persönlich zu den Feldern geht, die Chance geringer ist, dass die Bauern versuchen, etwas vom Steueranteil zurückzuhalten, indem sie etwas von der Ernte verstecken. Ein genauso wichtiger Grund ist aber auch, dass diejenigen Menschen, die sehr weit vom Tempel entfernt leben, dadurch die Möglichkeit bekommen, den Herrn zu sehen.“

„Und dies ist auch für den Herrn eine Gelegenheit, den Tempel für einen Ausflug zu verlassen“, fügte meine Großmutter weise hinzu.

Nun war meine Mutter fast am Ende mit dem Kochen. „Noch fünf Minuten, und der Herr wird hier sein!“, schäzte sie und schaute hinauf auf die Uhr. „Geh jetzt schnell hinunter, warte an der Ecke, und wenn du die Prozession kommen siehst, winke dem pujari zu, damit sie halten! Lauf, und beeile dich!“

In Nullkommanichts war ich auch schon an der Straßenecke. Während ich mit meiner Hand meine Augen vor der späten Nachmittagssonne schützte, schaute ich spähend über die Straße. „Hoffentlich ist die Prozession nicht schon vorbeigezogen!“, fragte ich mich beunruhigt.

Der Tempel von Partha-Sarathi im südindischen Madras (Channai)

„Plötzlich bog die gesamte Prozession in den Eldamsweg ein. Ein Priester der Sri-Sampradaya, einer großen südindischen Vaishnava-Tradition, ging der kleinen, aber stattlichen Prozession voraus, in der die utsava-murti von vier Sänftenträgern mitgeführt wurde. Ich war überrascht, die Prozession so schnell daherkommen zu sehen. Die Sänftenträger liefen fast im Schnellschritt! Ich winkte ihnen wie ein Wahnsinniger zu, aus Angst, dass sie mich in ihrem Tempo gar nicht bemerken würden. Während sich der Umzug näherte, schaute ich über meine Schulter und war erleichtert, meine Mutter buchstäblich rennend aus dem Haus kommen zu sehen. Großmutter folgte ihr, doch deutlich langsamer. Meine Mutter trug den Topf mit der Grieß-Süßigkeit in ihren Händen, welcher mit einem frischen großen Bananenblatt bedeckt war.

„Halten, bitte halten!“ rief ich dem pujari zu. „Meine Mutter bringt eine Opferung!“

Die Prozession kam zum Stillstand und die Träger ließen die Sänfte herunter. Jetzt hatte uns meine Mutter erreicht. Sie gab mir den Topf und sagte: „Nun überreiche die Speise dem bhattar (Hauptpriester).“

Der Topf war schwer und so kam mir der Priester entgegen, um mich von dem Gewicht zu befreien. „Namaskaram“, begrüßte er meine Mutter herzlich.

Nun war auch die Großmutter bei uns. Sie zog ein Stück Kampher aus einer Ecke ihres Saris und überreichte es dem pujari. Dieser stellte den Topf mit dem rava-keshari vor die Bildgestalt des Herrn, summte ein Paar vedische Hymnen, während er die ganze Zeit mit einem Glöckchen klingelte. Wir falteten unsere Hände und verneigten uns mit großer Achtung vor dem Herrn.

Ramanujacharya (1017–1137), der Gründer der „Sri-Sampradaya“, einer bedeutenden südindischen Vaishnava-Tradition

Während die Hälfte der Opferzeit verstrichen war, drehte sich der Priester zu meiner Mutter und sagte, „In diesem Kali-Yuga, dem Zeitalter der spirituellen Vergesslichkeit, wissen nur wenige Menschen, wie man den Herrn zu empfangen hat, wenn Er auf einer Prozession daherkommt. Möge Partha-Sarathi Sie und ihre Familie für ihre Hingabe segnen!“

Meine Mutter antwortete: „Möge der Herr immer gepriesen sein und uns als Seine ewigen Diener beschäftigen.“

Meine Großmutter gab wie immer gute Ratschläge: „Gehen sie nicht zu schnell,“ sagte sie dem pujari. An heißen Tagen wie heute sollten sie sicher gehen, dass Er sich wohlfühlt.

Schon bald waren wir wieder in unserer Küche, in der ich mich an mein Essen heranmachte – welches jetzt eine Beilage bekommen hatte: Frisch zum Herrn geopfertes rava-keshari!

„Köstlich!“ rief ich aus. „Von mir aus kann es jeden Tag ein verspätetes Essen geben, wenn du dazu eine solch leckere Süßigkeit zubereitest.“ ❂

(Dieser Artikel erschien ursprünglich im Jahre 1997 im englichsprachigen Back to Godhead Magazin). Bilder/Fotos © Deshika/The Vaishnava Voice, ISKCON, Bhakti-Yoga-Zentrum Hamburg

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Festival of India in Hamburg

Wer auch von solch einem Prozessionsfieber angesteckt werden will, der komme am Samstag, den 25. August nach Hamburg auf die Mönckebergstraße! Dort wird allerdings nicht Partha-Sarathi auf einer Sänfte getragen, sondern Lord Jagannath, „Der Herr des Universums“ mit Seinen beiden Geschwistern namens Baladeva und Subhadra auf einer Prozessionskutsche mit Seilen bis zum Jungfernstieg gezogen. Dieses Festival findet ursprünglich jedes Jahr in einer Stadt namens Puri an der Ostküste Indiens statt und wird Ratha-Yatra genannt. Prozessionsstart: 11 Uhr! Alle Details auf dem Poster. Zum Vergrößern einfach draufklicken!

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Kommentare (2)

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  1. Lieber Paramshreya, lieber Shivatma,
    vielen Dank für die schöne Geschichte aus Südindien.
    Wir freuen uns auf die Tulsi Beatz beim Hamburger Ratha Yatra!
    Bis dann
    Vaidyanath Das

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