Wie der Mahamantra nach Deutschland kam

Mukunda Goswami erinnert sich

| 2. April 2012 | 2 Kommentare

Frontcover der legendären Schallplatte. Der Autor MUKUNDA GOSWAMI in der Mitte mit weißem Hemd und dunkler Schulterborde

Im Jahre 1967 verließen meine Frau und ich den ersten Hare-Krishna-Tempel in New York und begaben uns nach San Francisco. Dem Rat unseres spirituellen Meisters, Srila Prabhupada folgend, gründeten wir dort den zweiten Tempel der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein. Damals schrieben wir George Harrison einen Brief, in dem wir ihm empfahlen, den Hare-Krishna-Mantra zu chanten und so zur Essenz der Musik vorzudringen. Wir dachten daran, nach England zu fahren, um zu ihm zu predigen, da wir einen Artikel gelesen hatten, in dem er auf den Hare-Krishna-Mantra zu sprechen kam.

Wir erhielten niemals eine Antwort auf unseren Brief, doch im Jahre 1968 bestellten die Beatles 100 Exemplare der Schallplatte „Krishna Consciousness“, die Srila Prabhupada unter dem „Happening Label“ herausgebracht hatte. Dies ermutigte uns natürlich sehr. Am 6. August 1968 trafen dann meine Frau und ich mit einigen anderen Gottgeweihten in London ein.

Begegnung mit den Beatles

Als erstes schickten wir den Beatles eine Kassette mit Aufnahmen vom Chanten und erhielten von ihrer Plattenfirma die Antwort, sie hätten kein Interesse. Es war ein formaler Brief, in dem stand, sie wüßten zu schätzen, dass das was wir täten sehr gut sei, doch es bestünde einfach kein Interesse. Das bedeutete natürlich nicht, dass die Beatles kein Interesse hatten, sondern höchstens, dass die Manager der Schallplattengesellschaft nicht interessiert waren. Jedenfalls trafen einige prominente Hippies aus San Francisco in England ein: Ken Kesey, der Autor des Buches „Einer flog übers Kuckucksnest“, James Arthur, einige Mitglieder der Hells Angels und die Rockgruppe Grateful Dead. An diese hielten wir uns, weil wir wußten, dass sie sich zu einem Treffen mit George Harrison verabredet hatten. Ein Gottgeweihter names Syamasundara war ein enger Freund der Grateful Dead, und so fragte er sie, ob auch er zu dem Treffen kommen könnte. Die Grateful Dead waren einverstanden. Syamasundara und die Gruppe gingen also gemeinsam hin. Als George Harrison Syamasundara erblickte, sprach er ihn sofort an, ohne die anderen Anwesenden überhaupt zu beachten. Eine Viertelstunde lang unterhielten sie sich ohne Unterbrechung – alle anderen saßen einfach schweigend dabei. George sagte: „Ich habe euch oft in den Straßen chanten gesehen. Ich wollte euch schon immer mal treffen.“ Er zeigte sich sehr freundlich. Er wollte uns sogar helfen, in London ein geeignetes Gebäude für einen Tempel zu finden. Ungefähr zwei Wochen später besuchte uns George dann. Damals hatten wir einen kleinen Tempel in einem Warenlager in der Londoner Innenstadt. Das war aber nur eine Übergangslösung. George kam einfach herein und nahm mit uns Prasadam. Und er verneigte sich auch an unserem Altar vor Krishna. Er blieb ungefähr zwei Stunden. Syamasundara stellte mir George vor und er erinnerte sich daran, dass er einen von mir unterzeichneten Brief erhalten hatte, der davon handelte, wie er durch das Chanten des Hare-Krishna-Mantra zur Essenz der Musik vordringen könnte. Wir stellten fest, dass er sich im Zusammenhang mit den Gottgeweihten an kleine Einzelheiten erinnerte. Es freute ihn sehr, zu sehen, wie wir uns alle dem Krishna-Bewusstsein widmeten.

George Harrison trifft die Hare Krishnas (ganz links mit Musikinstrument: Syamasundara Dasa, sein lebenslanger Freund)

Wenig später lud uns George an einem Sonntag Nachmittag in sein Haus ein. Er hatte auch einen befreundeten Musiker, den Sänger und Pianisten Billy Preston, eingeladen. Wir veranstalteten gemeinsam einen sehr schönen Kirtana, der beinahe zwei Stunden dauerte. George spielte Gitarre und Billy Preston Klavier. Und weil Gitarre und Klavier so sehr verstärkt wurden, mußte ich auch die Mrdanga-Trommel sehr laut spielen. Ich schlug die Mrdanga so stark, dass meine Hände noch zwei Monate danach schmerzten. Es war ein sehr interessanter Kirtana. Manchmal leitete George das Chanten und machmal ich. Anschließend gab es ein großes Festessen, an dem George und Billy und etwa acht Gottgeweihte teilnahmen.

Der Durchbruch

Schließlich kamen wir auf die Idee, unter Umständen eine Schallplatte zu produzieren. Eines Tages lud uns George in eines seiner Aufnahmestudios, das Trident Studio an der St. Annes Alley ein. Dieses Studio ist in London sehr bekannt. Billy Preston war auch da und wir chanteten zur Übung ein paar Lieder, um zu hören wie es klingen würde. Dabei kam uns der Gedanke, dass wir sofort eine Schallplatte machen sollten – mit dem Hare-Krishna-Mantra. Wir begaben uns also zur Aufnahme in des Hauptstudio. Dort nahmen wir den Hare-Krishna-Mantra auf, wobei Yamuna und Syamasundara vorsangen. George Harrison spielte das Harmonium. Er spielte auch den Gitarrenvorspann auf der Schallplatte. Später fügte er dann auf der Baßgitarre eine weitere Stimme hinzu. Alle Gottgeweihten spielten ein Instrument, Karatalas (Zimbeln) oder Mrdangas (Trommeln), und einer der Gottgeweihten ließ am Ende des Liedes einen Gong ertönen. Die ganze Aufnahme nahm etwa eine Stunde in Anspruch, da wir fünf oder sechs Versuche machten, bevor wir die endgültige Version erhielten. Als wir die endgültige Fassung hatten, kamen Paul und Linda McCartney in den Kontrollraum und unterbreiteten den Toningenieuren einige Vorschläge, wie man die Schallplatte abmischen sollte. Den McCartneys gefiel das Stück sehr und sie freuten sich besonders, uns dort zu sehen. Dann machten wir eine Aufnahme vom Srila Prabhupada Pranati, dem Gebet an den spirituellen Meister. Dafür brauchten wir auch etwa ein bis zwei Stunden. Als wir fertig waren, kamen wir zu dem Schluß, dass mehr Stimmen den Hare-Krishna-Mantra im Chor singen sollten. George fragte deshalb einige der Leute, die im Büro des EMI-Aufnahmestudios arbeiteten, ob sie Lust hätten, hereinzukommen und mitzusingen. Es war auch eine Sekretärin dabei, die ihre Mutter mitbrachte, die ebenfalls mitsang. Auch einige der Toningenieure im Kontrollraum durften mitsingen. Und wir legten ihre Stimmen zwei- oder dreimal übereinander um einen kräftigen und vollen Klang zu erhalten. Drei oder vier Monate zuvor war eine andere Fassung des Hare-Krishna-Mantra im Musical „Hair“ herausgekommen, die bereits sehr populär war. Kennt ihr diese Melodie? Von daher kannten viele Leute den Hare-Krishna-Mantra. Vor dem EMI-Studio hatte sich eine Gruppe von vielleicht 20 bis 25 junger Mädchen eingefunden.

Als wir eingetroffen waren, hatten sie zu dieser „Hair-Melodie“ gesungen: Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare / Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare. Und als wir herauskamen, waren sie immer noch da, sangen immer noch Hare Krishna und warteten darauf, von uns Autogramme zu bekommen.

Die Gottgeweihten chanten mit George Harrison „Hare Krishna“ auf dem Dach der Londoner Plattenfirma „Apple Records“

Wir nahmen die Schallplatte im Sommer 1969 auf und wenige Wochen vor Srila Prabhupadas erstem Besuch in London wurde sie veröffentlicht. Am Tage der Veröffentlichung fand eine große Promotion-Veranstaltung statt, die von Apple Records der Schallplattenfirma der Beatles, finanziert wurde. Dazu hatte man auf einem großen Grundstück im Süden Londons ein riesiges Zelt von zirka 30 Metern Länge und zehn Metern Breite aufgestellt. Darin fand eine Art Pressekonferenz statt, die dazu dienen sollte, die Schallplatte vor ihrer Veröffentlichung bekannt zu machen. Vertreter aller Medien waren von der Apple Company eingeladen und wurden von dort in einem riesigen Bus zu dem Zelt im Süden Londons gefahren. Etwa 40 Zeitungsreporter und Kameraleute waren gekommen. Auch George Harrison war da. Wir hatten ein gewaltiges Prasadam-Bankett für sie angerichtet. Es war ein gigantisches vegetarisches Festessen, das ausschließlich von Gottgeweihten zubereitet worden war. Die Zeitungsleute fragten sich, wo der Alkohol serviert werde. Doch nachdem sie Prasadam gegessen hatten, fühlten sie sich so zufrieden, dass sie kein Interesse mehr an alkoholischen Getränken hatten. Dann chanteten wir gemeinsam mit George, während sie hunderte von Fotos schossen. George hielt auch eine kleine Rede über die Bedeutung des Krishna-Bewusstseins. Später gestand er, dass er selbst darüber staunte, wie wunderbar es gesprochen hatte. Die Presseleute fragten ihn:“ Was wollen Sie mit ihrem Leben anfangen?“ Und er sagte:“ Ich möchte einzig und allein Krishna-bewusst werden.“ Diese Veranstaltung war also sehr erfolgreich. Wir waren noch ein wenig skeptisch, ob die Schallplatte ein Erfolg werden würde, denn im allgemeinen werden Songs, deren Texte nicht vertanden werden, nicht sehr populär. Doch sie sorgten dafür, dass wir in Top Of The Pops, einer bekannten britischen Fernsehsendung, auftreten konnten. Zu jener Zeit war das die beliebteste Fernsehsendung in ganz England. Und schon zwei oder drei Tage nachdem die Schallplatte erschienen war, erfuhren wir, dass sie bereits an Popularität gewann. Schon am ersten Tag waren 70.000 Exemplare davon verkauft worden. Srila Prabhupada traf am dritten Tag ein. Wir erzählten ihm von dem Erfolg unserer Schallplatte und er freute sich sehr darüber. Am gleichen Tag brachten wir George, John Lennon und Yoko Ono zu einem Treffen mit Srila Prabhupada. Damals wohnten wir in John Lennons Haus.

Hare-Krishna-Kirtana mit George Harrison und Yamuna Devi Dasi

Hare Krishna im Beat-Club

Die deutsche Fernsehsendung „Beat-Club“ nahm Kontakt mit uns auf und schrieb sie wolle für das deutsche Fernsehen einen Film drehen in welchem wir den Hare-Krishna-Mantra chanten. Ein Mann vom Fernsehen besuchte uns in John Lennons Haus und schlug vor, uns im Wald beim Chanten zu filmen. Auf Johns Grundstück befand sich eine Baumgruppe, die wie ein kleiner Wald aussah. Wir begaben uns also mit dem Kamerateam dorthin und chanteten Hare Krsna. Der Produzent wollte das Chanten mit einer dümmlichen Szene einleiten, bei der sich ein Gottgeweihter verneigt und ihm jemand auf die Schulter tippt, sodass er überrascht aufsieht. Doch unserer Ansicht nach war das keine besonders gelungene Einleitung für unsren Auftritt. Als wir ihm das sagten, war er etwas beleidigt. Aber wir meinten nur: „Wenn sie es so machen wollen, dann können sie das vergessen.“ Wir bestanden darauf, bei der Planung des Filmes ein Wort mitreden zu können. Daraufhin wurde er kooperativ. Es wurde so eingerichtet, dass die Schallplatte über Lautsprecher zu hören war und wir nur so taten, als würden wir singen und die Instrumente spielen. Wir hatten nie eine Gelegenheit, den Film zu sehen. Doch es interessiert uns alle, was dabei herausgekommen war. Hat ihn einer von euch gesehen?

Sacinandana Swami: Ja, ich habe ihn gesehen.

Mukunda Goswami: Sacinandana Swami hat ihn also gesehen. Und gefiel er dir?

Sacinandana Swami: O ja! Ich wurde durch diesen Film ein Gottgeweihter. Auf diese Weise habe ich das Chanten kennengelernt.

Mukunda Goswami: Für wen hieltest du uns?

Sacinandana Swami: Mein erster Eindruck war – die kommen von einem anderen Stern. Das war aber kein negativer Eindruck, es war einfach nur so anders.

Srila Prabhupada bekommt von Mukunda Dasa eine Blumengirlande

Srila Prabhupada im Fernsehen

Danach begaben wir uns mit Srila Prabhupada zu einem Fernsehauftritt nach Amsterdam. Sie luden uns auch ein, in ihrer Popmusiksendung aufzutreten. Wir waren also in drei Fernsehprogrammen zu sehen – in England, in Deutschland und in Holland. Bei der Fernsehsendung in Amsterdam hatten sie eine große Bühne aufgebaut und im Hintergrund tanzten Männer und Frauen und hüpften wild herum. Srila Prabhupada beobachtete sie mit einem Ausdruck der Überraschung. Er hatte solchen Blödsinn noch nie gesehen. Der Direktor ließ Srila Prabhupada auf einem großen Sessel Platz nehmen, der einem Vyasasana glich, und die anderen Gottgeweihten stellten sich auf beide Seiten daneben auf. Dann ließen sie Trockeneisrauch über die Bühne aufsteigen, um eine mystische Atmosphäre zu erzeugen. Die ganze Show schien uns hauptsächlich auf Teenager ausgerichtet zu sein. Srila Prabhupada mißfiel die Art und Weise, wie sie uns darstellten, weil sie sehr oberflächlich war. Sie begriffen nicht, wer Srila Prabhupada eigentlich war. Naja, jedenfalls wurde unsere Gruppe als „The RadhaKrishna Temple“ berühmt, und der Hit dieser Gruppe hieß „Hare-Krishna-Mantra“. Die Schallplatte stieg sehr hoch in den Pop-Hitparaden. In England erreichte sie den 11. oder 12 Platz. In Portugal kletterte sie auf Platz 4 und in Deutschland, Holland, Frankreich, Italien, Schweden und sogar Jugoslawien, soviel ich weiß, war sie auf Nummer 1. Und auch in Japan war sie ganz oben. Wir hörten das Lied ganz oft im Radio. Manchmal, wenn wir auf der Straße entlang gingen, hörten wir das Lied aus irgendeinem Autoradio ertönen. Selbst in großen Kaufhäusern wie Woolworth wurde es über die Lautsprecheranlage gespielt. Als ich das Lied einmal im Radio hörte, blendete sich der Ansager ein und sagte: „Diese Gruppe besteht aus kahlköpfigen Amerikanern.“ Das Lied wurde ein solch großer Hit, dass sie uns ein zweites Mal in Top Of The Pops brachten. Diesmal zeigten sie einen Film, den sie bei unserem großen Ratha-yatra-Festival, das am Trafalgar Square in London veranstaltet worden war, gedreht hatten. In diesem Film konnte man tausende von Leuten sehen, die Hare Krishna chanteten. Wir wurden so berühmt, dass die Leute uns um Autogramme baten, sobald wir irgendwo auftauchten.

Hare-Krishna-Kirtana mit George Harrison (1943-2001)

Auf Deutschland-Tournee

Ein Geschäftsmann, der damals als unser Manager arbeitete, machte uns eines Tages das Angebot, eine einwöchige Tournee durch Deutschland zu veranstalten. Wir benötigten das Geld, weil wir am Bury Place gerade einen Tempel einrichteten. Wir sollten für diese Deutschland-Tournee 500 Pfund erhalten. Damals war das noch eine Menge Geld. Wir fuhren also los und nahmen die Fähre über den Kanal. Unser erster Auftritt sollte in Hamburg stattfinden, wo wir in der Bartelstraße einen kleinen Tempel hatten. Von da aus sollte es nach Kiel und anschließend nach Bremen gehen. In Bremen hatten wir zwei Auftritte. Insgesamt waren also fünf Auftritte geplant, vier am Abend und einer am Tag. Wir fuhren also als erstes zum Tempel nach Hamburg und gingen mit allen Gottgeweihten hinaus auf die Straße der Stadt, um Hare Krishna zu chanten. Das war im Oktober, und es war sehr kalt. Die Leute hatten noch nie Gottgeweihte gesehen. Wir veranstalteten vor einem Schallplattenladen einen gewaltigen Kirtana und bewirkten einen riesigen Menschenauflauf. Hunderte von Leuten drängten sich um uns. Der Besitzer des Schallplattenladens freute sich sehr darüber, weil er unsere Schallplatten verkaufte. Die Leute waren ziemlich schockiert und sehr neugierig, weil sie noch nie etwas Derartiges gesehen hatten. Sie blieben einfach stehen und starrten uns an. Dann zogen wir auch zu mehreren Marktplätzen, und überall waren die Leute vom Kirtana begeistert. Die alten Leute waren etwas sprachlos, doch eigentlich gefiel es auch ihnen sehr gut. An jenem Abend hatten wir unseren ersten Auftritt im Hamburger Star Club. Das ist der Club, in dem die Beatles ihre Karriere begannen. Es war ein sehr degenerierter Ort auf der Reeperbahn. Irgendwie hatten wir erwartet, dass der Star Club etwas feiner sein würde, doch in Wirklichkeit war es dort sehr schmutzig. Alles war schwarz – schwarze Wände, schwarze Türen, schwarze Möbel – selbst die Decke war auch noch schwarz, und obendrein war auch die Beleuchtung düster. Wir gingen auf die Bühne und chanteten den Hare-Krishna-Mantra und einige andere Lieder wie Govindam und das Gebet an den spirituellen Meister. Die Leute standen ziemlich unter Drogen und schienen uns deshalb kaum zu bemerken.

„Zugabe! Zugabe!“

Dann fuhren wir nach Kiel. Der Auftritt dort wurde zur erstaunlichsten Veranstaltung, die ich jemals in meinem Leben besuchte. Bis dahin hatten wir irgendwie immer sehr niedrig gesteckte Erwartungen, was diesen ganzen Musikrummel betraf. Was wir bisher erlebt hatten, waren degenerierte, unintelligente Leute, die hauptsächlich an Drogen und Alkohol interessiert waren. Abgesehen von George Harrison hatte wir noch niemanden mit ernsthaften, spirituellen Neigungen getroffen. Nach unserem Auftritt im Star Club dachten wir:“Naja, so wird Deutschland wohl sein.“ Von Kiel erwarteten wir Ähnliches. Wir sollten am Abend im Krüger-Club auftreten. Der Krüger-Club war früher ein Kino oder Theater gewesen, war aber später in eine Tanzhalle umgewandelt worden. Alle Sitze waren entfernt worden, sodass nur eine Bühne für die Gruppe und eine riesige Tanzfläche vorhanden waren. Der Club wurde von einer beleibten Dame geleitet, die stark geschminkt war. Sie sah eher wie eine Bordellbesitzerin aus und erweckte in uns nicht gerade großes Vertrauen. Deshalb baten wir sie, uns vor unserem Auftritt zu bezahlen – doch sie widersprach: „Nein, nein, erst tretet ihr auf und dann zahle ich.“ Auf der Bühne gab es nicht einmal ein Mikrophon. Wir hatten weder fließendes Wasser, noch Toiletten zur Verfügung. Das ganze Gebäude erschien abbruchreif. Wir waren die einzige Gruppe, die an diesem Abend auftreten sollte. Etwa 2000 Teenager kame und erwarteten eine Veranstaltung, die zwei, drei Stunden dauerte. Aber wir kannten nur zwei oder drei Lieder. Ihr könnt euch also vorstellen, wie wir uns fühlten. Die jungen Leute lärmten und waren alle auf irgendeine Weise berauscht. Wir fürchteten, sie würden uns vielleicht verprügeln, weil sie Rock’n’Roll erwartet hatten. Da standen wir nun, nur acht Hare Krishnas, und nicht einmal ein Mikrophon. Auch Bhakti-Bhusana Swami – damals hieß er noch Sucandra Dasa – war dabei. Da er der einzige von uns war, der Deutsch sprechen konnte, hielt er auf der Bühne eine kleine Rede. Er sagte: „Es tut uns sehr leid, dass wir kein Mikrophon haben, wir können nicht viele verschiedene Lieder singen, und wir sind nicht hier, um eine Show zu veranstalten. Wir sind hier, um etwas mit euch zu teilen. Es ist deshalb sehr wichtig, dass ihr alle mitmacht. Also sprecht mir jetzt bitte alle nach:“Hare!“ Anfangs zögerten sie ein wenig, doch allmählich begriffen sie, worum es ging. Er sagte:“Krishna!“ und sie alle riefen begeistert wie aus einem Munde „Krishna!“ Auf diese Weise lehrte er sie den ganzen Mantra. Wir befestigten auch ein Tuch mit den Worten: Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare. Dann sagte er: „Laßt uns das jetzt singen!“ Zuerst übten wir solange, bis sie die Melodie konnten. Diese Jugendlichen – es waren ungefähr 2000 – chanteten also alle den Mantra. Sie waren erst zwischen 14 und 18 Jahre alt. Sie füllten das gesamte Erdgeschoß und die Veranda. Wir führten sie also alle im Kirtana an, und sie gerieten immer mehr in Ekstase. Wir lehrten sie sogar, so, wie wir mit erhobenen Armen zu tanzen. Wir sagten: Dieser Tanz wird der „Swami-Step“ genannt. Und sie machten alles auf vollkommene Weise nach. Der Kirtana wurde immer lauter und lauter. Nach 20 Minuten hörten wir auf und sprachen die pranama-Gebete, bei denen die Gottgeweihten sich verneigten und „Jaya!“ rufen. Und auch sie verneigten sich – alle 2000 – und schrien aus Leibeskräften.

Dann begannen sie alle zu rufen: „Zugabe! Zugabe! Zugabe!“ Wir wußten nicht, was das hieß. Wir dachten: „Oh je, jetzt sind sie wütend auf uns?“ Aber Bhakti-Bhusana Swami sagte:“ „Nein, sie wollen weiterchanten.“ Wir machten also über eine halbe Stunde weiter, und ihre Begeisterung nahm sogar noch mehr zu. Und sobald wir aufhörten, schrien sie: „Zugabe! Zugabe! Zugabe!“

Kirtana mit Sri Chaitanya Mahaprabhu vor 500 Jaren in Bengalen

Ekstase ohne Ende

Dann stiegen wir von der Bühne herunter und begaben uns auf die Tanzfläche, mitten unter die Menge der jungen Leute, und veranstalteten einen tosenden Kirtana. Diesmal tanzten sie alle um uns herum. Und wir bahnten uns tanzend Wege durch die Menge. Immer wieder vor und zurück, und ab und zu im Kreis – und sie folgten uns. Manchmal kamen welche vor und spielten ebenfalls auf der Mrdanga. Sie tantzen völlig hemmungslos, sie packten die Gottgeweihten an Armen und Schultern und sprangen um sie herum. Es grenzte an Hysterie. Wir hatten inzwischen das Gefühl, dass alles vollständig außer Kontrolle geraten war. Das einzige, was sie besänftigte, war mehr Kirtana. Wir mußten lauter und schneller spielen. Andernfalls wußten wir nicht was sie tun würden. Sie schienen außer Rand und Band. Wir spielten die Mrdangas also so heftig, dass unsere Hände bluteten. Überall waren Blutspritzer – auf den Mrdangas, auf den Dhotis [indisches Beinkleid], auf der Tanzfläche und auf den Leuten. Aber es machte ihnen überhaupt nichts aus. Am meisten waren sie davon begeistert, dass wir uns um nichts kümmerten. Es war, als würde es immer so weitergehen. Beinahe zweieinhalb oder drei Stunden lang hatten wir Kirtana. Wir waren völlig erschöpft, wußten aber nicht, wie wir aufhören sollten. Nachdem wir den Kirtana beendet hatten, stieg einer von uns schnell auf die Bühne und legte unsere Schallpaltte auf. Zum Glück gab es einen Verstärker und einen Plattenspieler, wenn auch das Mikrophon fehlte. die Menge schien mit dieser Lösung zufrieden zu sein. Wir stellten die Anlage auf volle Lautstärke, und sie chanteten auch zur Schallplatte. Es war Ohrenbetäubend laut. Alle waren zufrieden, weil der Kirtana sozusagen immer noch weiterging. Hinter den Vorhängen auf der Bühne sahen wir zu, wie sie alle zur Platte tanzten und chanteten. Obwohl wir gar nicht mehr dabei waren! Und sobald die Schallplatte endete, verneigten sie sich wieder alle, genauso wie sie es beim Live-Kirtana getan hatten. Dann traten wir wieder auf die Bühne und sie applaudierten lange. Sie klatschten und klatschten. Gut 10 Minuten lang. Wir machten auf der Bühne ein paar Bemerkungen – ich weiß nicht einmal mehr was. Und dann fingen sie wieder an zu rufen:“Zugabe! Zugabe!“ Diesesmal legten wir einfach wieder die Schallplatte auf, weil wir wußten, dass wir nicht mehr in der Lage waren, weiter zu spielen. Sie chanteten wieder mit der Schallplatte und waren glücklich. Dann kamen sie auf die Bühne, um unsere Autogramme zu bekommen. Sie baten uns, hier in Kiel einen Tempel zu eröffnen. Sie waren alle sehr nett. Keiner benahm sich rowdyhaft. Sie hatten wirklich eine großartige Erfahrung gemacht. Ich bin sicher, dass sie sich ihr Leben lang daran erinnern werden. Vielleicht wird später einmal jemand aus dieser Veranstaltung die Gottgeweihten wieder treffen und von seiner Erfahrung erzählen.

Die Besitzerin war sehr erfreut und zahlte die vereinbarte Summe. Dies war der beste Kirtana, den ich je erlebt habe. An diesem Abend konnten wir sehen, wie sehr die Menschen auf das Krishna-Bewusstsein warten.

Von Stadt zu Stadt

In Bremen hatten wir einen weiteren Auftritt in einem Nachtklub. Es war genau das Gegenteil von der Veranstaltung in Kiel. Die Leute waren alle älter, ungefähr 40 bis 60 Jahre alt. Es war ein kleiner Club an einem See. Diesmal standen uns zahlreiche Mikrophone zur Verfügung. Wir hatten unseren Auftritt auf einer kleinen Bühne. Die Leute aßen und tranken an Tischen mit weißen Tischtüchern. Sie waren äußerst überrascht, uns zu sehen. Sie schauten uns beinahe an, als wollten sie uns nicht dabei haben. Sehr konservative Leute. Doch weil wir sehr farbenprächtig gekleidet und unterhaltsam waren, nahmen sie uns unsere Anwesenheit nicht übel. Die nächste Veranstaltung fand in einem Konzertsaal statt, der vor allem für junge Leute bestimmt war, doch es kamen nicht sehr viele. Aber sie chanteten alle und es war sehr schön. Und viele Leute kamen auf die Bühne um mit uns über die Philosophie des Krishna-Bewusstseins zu sprechen. Wir ahnten, dass das Krishna-Bewusstsein in Deutschland eine sehr gute Zukunft haben würde, weil sich hauptsächlich die jungen Leute dafür begeisterten. Wir fühlten uns also sehr ermutigt. Überall, wo wir hinfuhren, gingen wir auch auf die Straßen, um zu chanten. Wir konnten sehen, wie empfänglich die Leute für das Krishna-Bewusstsein waren. Schon damals kamen viele Leute zum neuen Tempel in der Bartelstraße. Es war eine sehr kleine Wohnung im dritten oder vierten Stock eines Gebäudes. in allen unteren Stockwerken befanden sich Lager für Dinge wie Möbel und Holz. Der Tempel befand sich im Industriegebiet. Aber dennoch kamen viele Leute.

30 Jahre später: Mukunda Goswami und George Harrison, Ende der Neunziger Jahre

Im Fußballstadion

Eine andere lustige Geschichte, die ich gerne erzählen möchte, ereignete ich in England. Etwa drei Wochen, nachdem die Schallplatte erschienen war, wurde sie ungeheuer populär. In Manchester begannen sie, die Musik bei Fußballspielen in den Pausen laufen zu lassen. Die Fußballfans von Manchester sind als äußerst gewalttätig bekannt. In den Pausen legten die Stadionmanager normalerweise irgendwelche Popmusik auf. Die Zuschauer waren meistens fürchterlich.

Ein Gottgeweihter, der zufällig einmal dabei war, erzählte uns die Geschichte. Als sie die Schallplatte mit dem Hare-Krishna-Mantra über die Lautsprecher laufen ließen, begannen alle Leute im Stadion zu chanten. Sie chanteten genau wie die jungen Leute in Kiel. Alle sangen wie aus einem Munde mit der Schallplatte. Das ganze Stadion! Sie gerieten ungeheuer in Fahrt und chanteten alle den Hare-Krishna-Mantra. Weil die Platte sehr populär wurde, durften wir auch in einem großen Konzertsaal in Amsterdam auftreten, der als Konzertdepot bekannt ist. 2000 Leute erschienen. Später fuhren wir nach Köln und zum Maxim in Paris. Dann schließlich zu einem Jazz-Festival in der Provence in Südfrankreich. Wir fuhren sogar zu einer Veranstaltung nach Linköpping in Schweden, zu einem Festival, das „Mitternachtssonne“ genannt wurde. Wir bereisten also ganz Europa und veranstalteten Kitanas auf der Bühne wie eine Rockgruppe. Als Bob Dylan 1969 in dem gigantischen Konzert auf der Isle of Wight auftrat, ließ er kurz vor seinem Erscheinen den Hare-Krishna-Mantra spielen. Das ganze Puplikum, viele tausende von Menschen, chanteten. Bei einigen Konzerten spielten wir auch mit anderen Gruppen zusammen. Wie leiteten Auftritte für die Moody Blues ein, für The Who, Quintessence und ähnliche Leute. Es war also ein sehr guter Anfang für das Krishna-Bewusstsein.

Nachdem wir die Schallplatte mit George Harrison gemacht hatten, wurde der Hare-Krishna-Mantra von der Woge des Erfolges getragen. So verbreitete er sich über ganz Europa. Die Leute erinnern sich immer noch an diese ersten Tage – besonders in England. Dort sprechen viele noch immer von unseren Auftritten in Top Of The Pops.

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Abgetippt von Tattva-Sandharba Dasa und Chaitanya-Priya Devi Dasi für das Krishna Bhakti Magazin, eine Zeitschrift des Krishna-Bewusstseins aus den Neunziger Jahren.

Und nun wurde dieser Bericht nochmal von Haladhara Dasa für die Gour-Ni-Times Website abgetippt und digitalisiert. Bitte beachtet den Kommentar von Vaidyanath Das weiter unten! Es gibt zu diesem Bericht ein paar wichtige Anmerkungen!

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In diesem kurzen Video erzählt Mukunda Goswami weitere Geschichten aus den turbulenten Anfangsjahren der Hare-Krishna-Bewegung mit seltenen Fotos:

George Harrison (Mitte), Mukunda Goswami, Prithu Dasa (mit gelbem Hemd) und anderen Gottgeweihten, ca. 1997 in Vrindavan, Indien

George, Syamasundara, Mukunda Goswami, Vrindavan, Indien, 1997

Mann kann die Original-Single aus dem Jahre 1969 übrigens bei Gangadhara aus Bochum erhalten. Er hat noch ganze 5 Stück auf Lager. bei Interesse einfach Mail an:

gangadhara.tkg@pamho.net
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Category: Diverses, Kirtan, Mukunda Goswami, Reiseberichte

Kommentare (2)

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  1. Sehr stimmungsvoller Artikel. Habe gerade HH Mukunda Goswamis Buch „Miracle on Second Avenue“ gelesen. Das ekstatische Konzert mit den johlenden Jugendlichen findet dort in Bremen, nicht in Kiel statt, und der Bremer Club heißt dort „Cougar [Puma] Club“, nicht „Krüger-Club“. HH Bhakti Bhusana Swami berichtete jedoch einmal, dass dieses Konzert in Kiel stattfand. Offenbar hat HH Mukunda Goswami in seinem Buch mehrere Auftritte in einen verschmolzen. Übrigens: Der alter Hamburger Tempel in der Bartelsstraße 65 liegt nicht in einem Industrie-, sondern in einem etwas verwahrlosten Wohngebiet in der Nähe einer S-Bahn-Brücke.

    Mukunda Goswamis Buch ist übrigens überaus spannend und lesenswert. – Euer Vaidyanath Das

    • Shiva & Param Shiva & Param sagt:

      Herzlichen Dank für die Ergänzung, lieber Vaidyanath Prabhu! Im Artikel wird ab jetzt auf Deinen Kommentar hingewiesen.

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