Erkennen wir Gott auch im Schlafanzug?

Warum Religion so oft Konflikte hervorruft

| 10. August 2010 | 0 Kommentare

Der Autor zusammen mit Mutter Teresa (ca. 1995)

von RADHANATH SWAMI ❉

Es ist so traurig: Die Grundlage einer jeden Religion besteht doch darin, Gott mit seinem ganzen Herzen, mit seinem Gemüt und mit seiner Seele zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. Letztlich ist jeder unser Nächster. Im Srimad-Bhagavatam steht, dass der höchste Dienst, der Gott erfreut, darin besteht, Mitgefühl mit allen Lebewesen zu zeigen. Das Wesen unserer Religion besteht darin, allumfassende, selbstlose Liebe zu entwickeln.

„Die höchste Beschäftigung für die gesamte Menschheit ist die, durch welche der Mensch liebenden hingebungsvollen Dienst für den transzendentalen Herrn erlangt. Solch hingebungsvoller Dienst muss motivlos und ununterbrochen ausgeführt werden, um das Selbst völlig zufrieden zu stellen.“ (Srimad Bhagavatam 1.2.6)

Das eigentliche Wesen einer jeden Religion besteht nicht darin, ein Hindu, ein Christ oder Jude, oder Moslem, Parse oder Buddhist zu sein. Die höchste Form der Religion für alle Menschen erweckt in unserem Herzen Liebe, Liebe zu Gott und Mitgefühl für alle Lebewesen. Diese Liebe muß bedingungslos und unmotiviert sein, um uns zufrieden zu stellen, weil dies unserer Natur entspricht. Das ist der Sinn und die Grundlage jeder Religion. Wie kommt es nun, dass Religion, wie wir durch die Geschichte hindurch feststellen können, Fanatismus, Bigotterie, Sektierertum, Spaltung, Hass und Gewalt hervorruft?

Dieselben Prinzipien werden von den verschiedenen Religionen zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten gelehrt. Infolgedessen haben sie Riten und Erklärungsweisen, die sich manchmal voneinander unterscheiden. Wenn sich die Menschen mit den äußeren, oberflächlichen Aspekten der Religion identifizieren, finden sie so viele Unterschiede. Diese Sicht kann Arroganz, Egoismus, ja sogar Hass und Gewalt hervorrufen. Gewalt im Namen der Religion vollzieht sich aber tatsächlich im Namen des falschen Egos und nicht im Namen der Religion. Die Menschen vergößern ihr Ego durch Nationalismus, durch Rassismus und sogar durch die Zugehörigkeit einer bestimmten Religion. Wir wollen die Größten sein, wir haben Recht, und alle anderen sind im Unrecht. Das heißt, wir haben das Wesen der Religion nicht verstanden.

Im Sanskrit gibt es den Ausdruck „bhava-grahi„, das heißt ein wirklich spiritueller Mensch ist jemand, der immer das Wesentliche sucht. Wenn wir das Wesentliche verstanden haben, können wir auch die Riten und die Formen verstehen, die dazu dienen, das Wissen um das Wesentliche zu erleichtern und anzupassen. Leider haben wir zu oft eine sehr oberflächliche, äußere und unrealistische Auffassung von unserer eigenen Religion.

Als ich vor längerer Zeit in Indien lebte, hatte ich einen sehr lieben Freund, der 85 Jahre alt war. Er war Hindu, ein Devotee Shri Ramas und sein bester Freund war ein Moslem. Alle paar Tage führten sie interreligiöse Dialoge miteinander und ich ging zu ihnen und diskutierte mit ihnen. Als ich eines Tages mit ihm auf einer Bank am Ufer des Ganges saß, fragte ich ihn: „Wie ist es in einem Land, in dem es so viele Konflikte und so viel Misstrauen zwischen Hinduismus und Islam gibt, möglich, dass Ihr beide so gute Freunde seid?“ Er gab mir eine Antwort, die ich nie mehr vergessen sollte. Er sagte: „Wenn jemand einen Hund hat, und wenn er als der Herr in einem vornehmen Anzug vor dem Hund steht, oder in einem T-Shirt, oder im Schlafanzug, oder in Unterwäsche, oder nackt, wird der Hund immer seinen Herrn erkennen, sogar in verschiedenen Kleidern und in einer anderen Umgebung.“ Er sagte weiter: „Wenn wir unseren Gott nicht erkennen können in unterschiedlicher Kleidung, in anderen Formen, auf andere Art, der in anderen Traditionen lehrt, dann müssen wir noch viel von einem Hund lernen.“

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Besten Dank an Nityananda-priya Mataji (M. Th. König) für die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche!

Der Autor mit einem Tablet hinter Srila Prabhupada (ca. 1972)

Zum Autor: Radhanath Swami stammt ursprünglich aus den USA und bricht Ende der Sechziger Jahre im Alter von 19 auf, um in der Ferne nach echter, gelebter Spiritualität zu suchen. Die Reise führt ihn über Amsterdamer Hippie-Kommunen zu abgelegenen Klöstern Griechenlands, dann in den Orient und später in die einsamen Höhlen des Himalaya, wo er mit Yogis ein asketisches Leben führt. Schließlich trifft er in Bombay Srila Prabhupada, den Gründer der Hare-Krishna-Bewegung. Mittlerweile hat Radhanath Swami eine Biografie über sein interessantes und höchst spirituelles Leben namens The Journey Home: Autobiography of an American Swami veröffentlicht.

http://www.thejourneyhomebook.com/

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Category: Interreligiös, Krishna und die Welt, Radhanath Swami

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