Mantras gegen Terror

Hare Krishna im Visier polnischer Rechtsextremisten

| 1. März 2007 | 0 Kommentare

HH Indradyumna Swami

Seit über 30 Jahren bereist Indradyumna Swami den Erdball, um den Hare-Krishna-Mahamantra überall bekannt zumachen. Diese Reisen haben ihn bereits zu den abgelegensten und gefährlichsten Plätzen dieses Planeten geführt. Er war als erster weißer Pilger im Dschungel von Ahobilam, fuhr auf unbekannten Quellflüssen des Amazonas, besuchte abgelegene sibirische Zigeunerdörfer, zu denen sich nicht einmal einheimische Russen hintrauen und betrat die vom Tsunami unmittelbar verwüsteten Strände Sri Lankas, um sich dort um Überlebende zu kümmern. In der Hare-Krishna-Bewegung genießt Indradyumna Swami längst den Status eines, man könnte sagen, heiligen Indianer-Jones. Das folgende, spannende Ereignis spielte sich in Polen ab und erschien in der GOUR-NI-TIMES Ausgabe 12.

Mantras gegen Terror

von HH Indradyumna Swami

Während wir in den Straßen von Thomaszow die heiligen Namen sangen, riefen uns einige, etwas verdrießlich aussehende junge Leute Schimpfwörter zu. Andere Passanten standen einfach nur still dar, als wir mit unserer Kirtana-Gruppe an ihnen vorbeikamen, wobei man jedoch ihre ärgerlichen Blicke spüren konnte. Darüber hinaus musste ich feststellen, wie alle Plakate, die wir am Vorabend aufgehängt hatten, mit grellen Aufklebern überklebt wurden: „Achtung Sekte! Festival fällt aus!“ Es sah ganz danach aus, dass man mit aller Anstrengung unser Festival nicht stattfinden lassen wollte, und ich war mir sicher, dass die ärgerlich aussehenden jungen Leute etwas damit zu tun hatten.

Als die Dunkelheit einbrach, hatte unsere Musik-Band ihr Repertoire gerade zur Hälfte fertig gespielt. Die Jugendlichen liebten unsere Show. Sri Prahlad und seine Musiker waren in vollem Schwung. Hunderte von Teenagern chanteten und tanzten, und viele von uns stimmten darin überein, dass es sich hier um eines der besten Auftritte seit langem handelte. Doch als sie gerade das letzte Stück anspielten, brach Panik aus.

Ich stand neben dem Soundzelt, als ich plötzlich einen Kanister über die Köpfe des Publikums fliegen sah, der mit einem Krach mitten in die Menschenmenge vor der Bühne hineinflog – und explodierte. Pfeffergas entströmte in alle Richtungen und die Jugendlichen fingen zu husten und keuchen an. Innerhalb von Sekunden traten zwanzig junge Männer aus der Dunkelheit heraus. Sie trugen schwere Stiefel und ihre Gesichter waren vermummt. Sie griffen die Menge an. Mit Baseballschlägern, Eisenstangen und Eisenketten schlugen sie ohne Unterscheidungsvermögen auf Gäste und Gottgeweihte ein. Die erste Person, die sie trafen, war ein zwölfjähriges Mädchen. Sie fiel mit blutendem Kopf zu Boden.

Bevor unser Sicherheitsdienst eingreifen konnte, hatten die Neonazi-Skinheads bereits viele Personen mit ihren Waffen verletzt. Prema-Harinama Dasa, einer meiner Schüler aus Bosnien, war einer der ersten, die zu Boden stürzten. Er wurde mit einem Baseballschläger auf die Stirn geschlagen. Blut strömte aus der Wunde hervor. Ekanatha Dasa wurde direkt ins Gesicht geschlagen, und als er auf dem Boden lag, traten und schlugen die Skinheads weiter auf ihn ein.

Gäste stürzten in alle Richtungen, während die Skinheads aus vollem Halse politische Parolen riefen und dabei wild um sich herumschlugen. Vaikunthapati, Rakshana and Sri Bashya, drei Mitglieder unsere Security-Truppe, begannen wutentbrannt den Angreifern entgegenzustürmen. Zusammen mit Vara-Nyaka, begannen einige Gäste mit Stühlen und Tischbeinen die Skinheads zurückzudrängen. Die Männer riefen den Frauen zu, sie sollten zu den Bussen laufen, die in der Nähe geparkt waren.

Außerhalb des Tumults wurde in Telefonzellen die Polizei angerufen. Desto mehr Leute sich dem Kampf anschlossen, desto mehr zogen sich die Skinheads zurück; doch nur um sich wieder zu sammeln und erneut anzugreifen. Einer von ihnen stürzte sich in unseren Geschenke-Shop, doch unsere Verkäuferin Taralakshi Dasi zog ihm mit einem Stuhl eins über den Kopf. Dann plötzlich war alles vorbei. So schnell sie gekommen waren, so schnell verschwanden sie auch wieder in der Dunkelheit.

Fünf Devotees lagen zusammen mit einigen Gästen verletzt am Boden und alles war mit Blut beschmiert. Zehn Minuten später kam ein Krankenwagen und nahm die am meist verletzten mit ins Krankenhaus. Zwanzig Minuten später traf dann die Polizei ein -dessen Wache eigentlich nur zwei Blöcke von uns entfernt gewesen war… Merkwürdig war auch, dass die Polizisten keine Bestandsaufnahme machen und uns keinen weiteren Schutz für die Nacht zusagen wollten. Sie sagten, sie hätten nur drei Beamte für den gesamten Ort im Einsatz. Irgendwie hatten wir das Gefühl, dass es eine Verbindung zwischen der Polizei und den Angreifern gab. Wir stellten sogar die Vermutung an, dass vielleicht die örtliche Kirche etwas mit der ganzen Sache zu tun hatte. Den ganzen Tag über hatten uns Leute erzählt, dass örtliche Priester sie gewarnt hatten, nicht zu dem Festival zu gehen.

Zu meiner Überraschung blieben viele Gäste nach dem Angriff bei uns und positionierten sich um das gesamte Festivalgelände herum. Sie waren sauer darüber, dass ein so friedliches Ereignis auf solch brutale Art und Weise gestört wurde. Sie begannen über religiöse Intoleranz und Fremdenhass zu diskutieren – ein hochaktuelles Thema zur Zeit in Polen. Ich war jedoch etwas beunruhigt, dass so viele Leute blieben. Ich befürchtete, dass die Skinheads vielleicht zurück kommen könnten, um das zu Ende zu bringen, womit sie angefangen hatten. Vara-Nyaka, der in der Schlägerei selbst verletzt wurde, sorgte dafür, dass unsere gesamte Festival-Ausrüstung wie Lastwagen, Autos, Zelte usw. in die Mitte des Geländes gebracht bzw. gefahren wurde, um sie notfalls vor Beschädigung beschützen zu können.

Nachdem wir für eine gewisse Zeit beratschlagt hatten, beschlossen wir das gesamte Festival abzubrechen und abzubauen. Es war zu riskant um zu bleiben; unsere Security-Crew war auf so viele schwer bewaffnete Angreifer nicht vorbereitet. Wir waren auf die Hilfe unserer Gäste angewiesen, um die Angreifer zurückzudrängen. So beschlossen wir den zweiten Festival-Tag zu streichen.

Nandini und Radha Sakhi fuhren ins Krankenhaus, um sich nach den verletzten Gottgeweihten zu erkundigen. Ihre Wunden mussten genäht werden, doch glücklicherweise gab es keine ernsteren Verletzungen.

So wurden alle weiblichen Gottgeweihten in die geschützten Busse geschickt, während die Männer mit den Abbauarbeiten und deren Bewachung beschäftigt waren. Nach zwei Stunden kamen mehrere mit Skinheads beladene Fahrzeuge an. Doch wir konnten sie mit einer großen Show von einer organisierten Verteidigung beeindrucken, so dass sie sich schnell wieder aus dem Staube machten. Um Vier Uhr morgens kamen wir schließlich alle zu unseren Unterkünften zurück.

Nervöses Abwarten in Lodz

Eine gefährliche Stadt

Etwa zwei Woche später packten wir unsere Ausrüstung in Gorzow-Wielkopolski zusammen, um nach einem erfolgreichen Festival Richtung Süden zu reisen. Wir wollten die letzten Vorbereitungen für unser Festival in Lodz treffen. Gorzow-Wielkopolski war für die Devotees im wahrsten Sinne des Wortes ein „Picknick“ gewesen. Wie wurden als Ehrengäste der Stadt empfangen und die Behörden standen uns mit Rat und Tat zur Seite. Die Gottgeweihten waren in einer entspannten und freudigen Stimmung. Das Predigen hatte Spaß gemacht. Doch die lockere Stimmung verschwand, um so mehr wir uns dem Süden näherten.

Der Angriff auf unser Festival in Tomaszow, in der Nähe von Lodz, war noch frisch in unseren Köpfen. Auch verbreitete sich das Gerücht, dass unsere professionelle Security-Crew (die wir nach dem Angriff angeheuert hatten) der Meinung war, dass Lodz zu der gefährlichsten Stadt in ganz Polen gehörte.   Obwohl wir allgemein sehr warm begrüßt wurden, als wir vor zwei Wochen mit einer Kirtanaa- Prozession durch die Strassen zogen, konnte man die Spannung buchstäblich an den Wänden geschrieben sehen. Die überall verbreiteten Grafitti-Schriften machten die Frustration der in der Stadt lebenden Jugend deutlich: „Polen den Polen!“, „Tod den Juden!“ und „Hier regieren Nazis!“ waren die häufigsten Parolen, die man an allen möglichen Häuserwänden lesen konnte. Lodz ist eine Industriestadt mit einer Menge Fabriken. Doch viele sind arbeitslos. Langeweile und Frustration machen sich breit und entladen sich hier in extremen Nationalismus, den wir bei unserem Festival in Tomaszow hart zu spüren bekommen hatten.

Desto tiefer wir in den Süden fuhren, desto schlechter wurde auch das Wetter. Dunkle schwarze Wolken zogen auf, als wir in die Stadt hineinfuhren und uns unserer Herberge näherten.

Nachdem ein Gottgeweihter besorgt durch das Fenster geschaut hatte, drehte er sich plötzlich zu mir herum: „Maharaja, einige Devotees sind der Ansicht, dass uns großer Ärger erwartet, wenn wir hier in Lodz tatsächlich unser Festival veranstalten. Sie sagen, die gleichen Leute, die uns in Tomaszow angegriffen haben, werden auch in Lodz Mobil machen.“

„Wir sollten keine Angst haben“, antwortete ich. „Devotees haben keine Angst, wenn es darum geht, sich notfalls selbst zu verteidigen.“

Ich zitierte aus einer Vorlesung, die Srila Prabhupada einmal 1973 in London gegeben hatte: „Vaishnavas chanten nicht einfach nur Hare Krishna. Sie können auch notfalls unter der Führung Vishnus kämpfen und siegreich sein… Im Allgemeinen ist ein Vaishnava gewaltlos, [doch] wenn Krishna möchte, können wir uns auch auf Gewalt einstellen.“

„Sollte es wirklich Probleme geben“, fuhr ich fort, „werden wir nicht für das Kämpfen zuständig sein. Unser bezahlter Security-Dienst wird für die drei Festival-Tage für unseren Schutz sorgen. Hab also keine Angst, allein ihre Anwesenheit wird jeden abschrecken, der uns Schaden zufügen möchte. Für müssen mit unserem Festival-Projekt fortfahren. Viele interessierte Menschen haben sich schon angemeldet. Alle größeren Zeitungen haben bereits Artikel über das Festival veröffentlicht. Wenn uns irgendetwas beunruhigen sollte, dann sind es die dunklen Regenwolken am Himmel. Sie sind als unsere wahren Angreifer zu betrachten.“

Ich wollte den Gottgeweihten nicht beunruhigen, deshalb sagte ich ihm nichts von dem Ratschlag, den mir der Manager des Security-Unternehmens bei einer Besprechung gegeben hatte: „Trotz allen Sicherheitsoptionen, die wir ihnen anbieten können“, sagte der Manager, „gibt es trotzdem noch ein Mittel, wie ihre Gegner ihr Festival ein und für alle mal aufhalten können.“

„Und das wäre?“ fragte ich.

Er schaute mir ernst in die Augen: „Man schaltet Sie aus.“

Er kam dichter an mich heran: „Von nun an sollten sie persönlich Vorsichtsmaßnahmen treffen. Aus den Vorfällen von Tomaszow wird deutlich, dass gewisse Leute bereit sind, ernstere Schritte zu unternehmen, um ihre Auftritte zu einem Stillstand zu bringen. Hier gebe ich ihnen einen Prospekt über kugelsichere Schutzwesten. Wenn sie weise sind, machen sie eine Bestellung.“

Ich war sprachlos und dachte: „Eine kugelsichere Schutzweste? Was würden die sannyasis von damals von so etwas halten? Die Wandermönche trugen früher nicht mehr, als einen Bambusstab und einen Wasserkrug – und hier komme ich mit einer kugelsicheren Schutzweste, einer Dose mit CS-Gas und einem Kampfknüppel unter der Mönchskutte!“

Ich antwortete ihm, dass Krishna Seine Geweihten beschützt. Im gleichen Moment wurde mir klar, dass Krishna von Seinem Geweihten auch erwartete, dass dieser seine Intelligenz gebraucht.

„Es ist ihre Entscheidung“, fuhr der Manager des Sicherheitsteams fort, „doch unterschätzen sie ihre Feinde nicht.“

Ich schob ihm die Broschüre über den Tisch zurück – und er schob sie mir zurück!
„Wir spielen hier kein Spiel“, sagte er. „Geben sie mir ihre Maße!“

Im Devotee-Bus noch mit guter Stimmung...

Dunkle Wolken

Als wir in unserer Herberge in der Nähe von Lodz eintrafen, wartete dort bereits ein Brief von der Polizei auf uns. Sie hatte bei den Untersuchungen bezüglich des Tomaszow-Anschlags herausgefunden, dass am selben Tage unseres Programms ein Kleinbus von einem Priester in der Stadt Czestochowa, 50 km südlich von Tomaszow, gemietet worden war. In diesem Bus wurden 15 finster aussehende junge Männer zu einem Parkplatz transportiert, der sich ganz in der Nähe unserer Festival-Aufbauten befand. Zeugen hatten beobachtet, wie am gleichen Abend eine Gruppe junger Leute dort ausstiegen, zu unserem Lager rannten und nach etwa 20 Minuten wieder zurück kamen, um hastig wegzufahren. Weitere Hinweise deuteten darauf hin, dass diese jungen Männer mit großer Wahrscheinlichkeit für das Chaos des Abends verantwortlich gewesen waren. Die Untersuchungen würden weiter laufen und rechtliche Schritte sollten daraufhin eingeleitet werden.

Es war die Nacht vor unserem ersten Festival-Tag in Lodz. Ich wälzte mich von einer Seite zur anderen, unfähig, ein Auge zuzumachen. Ich machte mir Sorgen. Ich wusste, dass es ein großartiges Festival werden könnte, weil wir wohl die bisher größte Werbeaktion gestartet hatten. Wir hatten mehr als 5000 Flyer verteilt und 1000 Plakate geklebt, und wurden darüber hinaus in Funk und Presse groß angekündigt. Doch zwei Dinge belasteten stark mein Gemüt: die frustrierte Jugend von Lodz und die dunklen Regenwolken, die seit Tagen über der Stadt hingen.

Als ich am Morgen nach einem kurzen Schläfchen aufwachte, war das erste, was ich tat, aus dem Fenster zu schauen. Die Wolken waren noch dunkler, als am Vortage und man konnte die feuchte Luft spüren. Ich bat einen Gottgeweihten, mir eine Zeitung zu besorgen, und als sie kam, wurden meine schlimmsten Vermutungen bestätigt – die Wettervorhersage kündigte Regen an. Doch mein Auge wurde auf etwas weiteres aufmerksam, was mir zuerst entgangen war: Nicht weit von unserem Openair-Festival sollte zur selben Zeit ein größeres Fußballspiel stattfinden – ein sicheres Zeichen für Ärger.

Ich verehrte meine Altargestalten Lakshmi-Nrisimhadeva mit all der Hingabe, die ich aufbringen konnte, und nahm zusammen mit den Devotees am Morgenprogramm teil. Nach dem prasadam gliederten wir uns alle in die verschiedenen Busse ein, um zum Festival-Gelände zu fahren. Unter einer dichten Wolkendecke arbeiteten wir für viele Stunden, um alles für das Festival herzurichten. Um 16.30 Uhr öffneten wir den Einlass für eine kleine Besucherschaft von 2000 Leuten. Oft konnten wir eine Besucherzahl von 10.000 und mehr verzeichnen, doch wir führten den geringen Anlauf auf die Möglichkeit von Regen zurück. Dieser hielt sich jedoch die ganze Zeit zurück und alles lief fließend nach Plan.

Die fünfzehn Männer von der Security-Crew konnten ihre Nervösität jedoch nicht verbergen. Sie schienen die Stimmung der Jugend von Lodz zu kennen und zogen die Möglichkeit in Erwägung, dass eventuelle Unruhen vom nahegelegenen Fußballspiel zum Festivalgelände leicht herüberschwappen könnten. Aber ich sah keinen Grund, wovor diese Männer Angst haben bräuchten; sie waren alle über zwei Meter groß und wie eine Kampfmaschine gebaut – mit riesigen Muskeln, markanten Gesichtszügen und einem stechendem Blick; darüber hinaus waren sie in Schwarz gekleidet und ausgerüstet mit verschieden Waffen.

Die Hare-Krishna-Raggaeband "Village of Peace"

Barmherzigkeit für die Edlen und die Raubeiner

An einem Punkt erkundigte ich mich bei dem Leiter der Sicherheits-Crew, ob alles in Ordnung sei. Er sagte, es gäbe momentan keinen Grund zur Beunruhigung, doch da sei etwas anderes, worüber er gerne mit mir sprechen würde. So setzten wir uns nieder.

„Maharaja“, sagte er, „ich möchte, dass meine Leute in Zukunft nicht mehr von ihren Speisen essen. Während der letzten Festivals haben ihre Devotees meine Männer mit allen möglichen Leckereien aus ihrem Restaurant beköstigt.“

„Haben sie Angst, dass wir irgendwelche Drogen in unser Essen hineinmischen?“ fragte ich.

„Nein“, antwortete er, „ich kenne ihre Reinheitsgebote. Das Problem ist, dass ihr Essen eine besondere Wirkung auf meine Männer ausübt. Sie fangen an, so wie ihre Devotees zu werden.“

„Was meinen sie damit?“ fragte ich

„Sie fangen an, die ganze Zeit zu lächeln. Das Essen macht sie soft , liebenswert und gefühlvoll. Doch meine Leute müssen hart sein, um ihren Beruf vernünftig ausführen zu können. Ihr Essen verwandelt meine Löwen in Lämmer! Schauen sie doch mal dort!“

Ich blickte zum Restaurant-Zelt herüber, wo ich erkennen konnte, wie zwei seiner Security-Männer genüßlich Samosas vertilgten und zusammen mit den Devotees in einer sehr entspannten Stimmung Späße machten.

„Sie haben sich früher nie so benommen“, fuhr er fort. „Es ist das Essen, das viele Singen und die ganze Atmosphäre!“

„OK“, stimmte ich ihm zu, „wenn die Festival-Zeit vorbei ist, werden wir ihren Leuten verpacktes Prasadam zum Mit-nach-Hause-nehmen geben.“

Wird diese Bühne den nächsten Angriff überstehen?

Ich ging zur Bühne herüber, gerade als Sri Prahlad und seine Reggaeband Village of Peace zu spielen anfingen. Die Dunkelheit setzte langsam ein, doch ich konnte sehen, wie die in Schwarz gekleideten Security-Leute die Bühne bewachten. Als Sri Prahlad und seine Band den Hare-Krishna-Mantra anstimmten, schaute ich mir die Männer genauer an und musste feststellen, dass das, was ihr Boss über sie gesagt hatte, der Wahrheit entsprach. Sie schwenkten von der einen Seite zur anderen und sangen die heiligen Namen. Ich überließ es ihrem Boss, ihnen dies zu verbieten; für mich war es nur wieder eine Bestätigung, dass die heiligen Namen die Kraft haben, stahlharte Herzen butterweich werden zu lassen.

Nach vielen Tagen der Sorge über das Festival, begann ich mich beim diesem Anblick zu entspannen. Unser Predigen brachte Früchte hervor.

Dann sah ich sie kommen. Eine große Gruppe von jungen Leuten erschien auf dem Feld. Ich konnte sie sofort erkennen: Skinheads. Gekleidet in schwarze Stiefel, engen Levi’s und T-Shirts, kamen sie langsam der Menschenmenge entgegen. Ihre Gesichter spiegelten den gleichen Hass und Zorn wieder, wie ich ihn schon bei vielen Gelegenheiten gesehen hatte – wie auf den Strassen oder ganz besonders beim Festival in Tomaszow. Die Omenhaften Worte des Gottgeweihten, mit dem ich vor einigen Tagen zuvor gesprochen hatte, kamen mir in Sinn: „Maharaja, einige Devotees sind der Ansicht, dass uns großer Ärger erwartet, wenn wir hier in Lodz tatsächlich unser Festival veranstalten. Sie sagen, dass die gleichen Leute, die uns in Tomaszow angegriffen haben, wiederkommen könnten.“

Ich schaute nach links und rechts, und sah, dass unsere Security-Leute von beiden Seiten näher kamen und sich zum Kampf bereitmachten. Die Skinheads kamen langsam durch die Festival-Arena. Sie blieben – so kennt man es von ihnen – als geschlossene Gruppe. Überall dort, wo sie entlang zogen, wichen die Leute zurück; einigen machten sich bereit, dass Festival zu verlassen, da sie gewalttätige Auseinandersetzungen befürchteten.   Ich schaute erneut zu den Sicherheitskräften hinüber, die hastig miteinander beratschlagten, um, falls eine Schlägerei ausbrechen sollte, für die richtige Strategie eingestimmt zu sein. Die Atmosphäre war gespannt und mein Adrenalinspiegel stieg. Ich tastete in meiner Tasche herum, um nach dem Tränengas und dem Schlagstock zu suchen.

Die Skinheads begaben sich geschwind in die tanzende Menge vor der Bühne. Dort blieben sie für einen Augenblick regungslos stehen, als würden sie auf ein Signal warten. Die Security-Männer machten sich bereit, einzuschreiten. Sri Prahlad und die Band, der Gefahr voll bewusst, begannen einen weiteren Song mit dem Mahamantra anzuspielen. Sie chanteten die heiligen Namen mit aller Deutlichkeit, während der Schlagzeuger einengroovigen Beat schlug, der die junge tanzende Menschenmenge zum ausflippen brachte. Ich sprang auf die Bühne, da ich sie für einen guten Ausgangspunkt hielt, falls es zu einem Gefecht kommen sollte.

Plötzlich, zu meinem Erstaunen, sah ich, wie einige der Skinheads mit ihren schweren schwarzen Stiefeln ein wenig zum Rhythmus zu tanzen begannen. Andere, die etwas von den lauten Lautsprechern, die den Mahamantra in den Äther dröhnten, betäubt waren, begannen langsam die Wörter des Mantras zu wiederholen. Nach wenigen Minuten waren alle von ihnen damit beschäftigt, zu chanten und sich im Takt zu schwenken – anfangs etwas reserviert, doch dann wurde die tanzende Menge auf sie aufmerksam und sie wurden daraufhin „gewaltsam“ in den tobenden Kirtanaa hineingezogen, in dem sie wie wild zu tanzen begannen. Stellenweise waren sie völlig im Kirtanaa vertieft, chanteten aus vollem Halse Hare Krishna und wirbelten rotorartig im Tanz herum. Ich setzte mich verwundert vor der Bühne nieder. Die Security-Leute zogen sich wieder zu ihren Ausganspositionen zurück und lächelten still in sich hinein.

„Was passiert hier?“ fragte ich mich. „Wie kann es sein, dass diese jungen Kerle, die hier eine Schlägerei beginnen wollten, jetzt lachend und froh jauchzend mit den Devotees imKirtanaa tanzen?!“

Ich schaute zu Sri Prahlad hoch, der in Schweiß gebadet die heiligen Namen sang und dabei springend durch die Luft wirbelte. Dann schaute ich mir wieder das Publikum an und sah, wie Skinheads, Teenager, Kinder und Erwachsene sich gegenseitig die Hände anfassten, um in einem großen Kreis zu tanzen. Wie sie so von den farbigen Bühnenscheinwerfern angestrahlt wurden, sahen sie aus wie ein großer, um sich selbst drehender Feuerkreis.

Ich saß einfach nur verwundert dar, und schaute mir den gesamten Kirtanaa an.

„So muss es während der Zeit von Lord Chaitanya gewesen sein“, dachte ich. „Die Edlenund die Raubeiner tanzen zusammen aufgrund der unfassbaren Barmherzigkeit Sri Chaitanya Mahaprabhus.“

Ich wusste, dass man solch einen Anblick nicht alle Tage miterleben darf, und deshalb genoss ich diesen Moment mit großer Genugtuung.

Dann, mit einem Male, hörte die Band auf zu spielen und der Kirtanaa kam zu einem Ende. Die Skinheads verließen lachend und in bester Stimmung das Festivalgelände. Nach einigen Minuten war kein einziger mehr von ihnen zu sehen – doch man konnte sie noch aus einiger Entfernung Hare Krishna singen hören.

Kirtana am Ostseestrand (Polen)

 

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Worterklärungen:

Kirtana-Gruppe = eine Gruppe von Gottgeweihten, die tanzend die heiligen Namen Krishnas singen.

Vaishnava = ein Geweihter Vishnus, Krishnas.

sannyasi = ein Mönch im Lebensstand der Entsagung

Morgenprogramm = jeden Morgen verehren die Gottgeweihten Krishna mit Gesang, Tanz und Mantra-Meditation

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Dieser Bericht erschien im Jahre 2001 im englischsprachigen „Back to Godhead“. Indradyumna Swami ist ein älterer, direkter Schüler von Srila Prabhupada, der im Jahre 1979 in den Lebensstand der Entsagung, sannyasa, eintrat. Interessierte Leser können weitere Abenteuer und aktuelle Einträge im Diary of a Travelling Preacher (Tagebuch eines Wanderpredigers) nachlesen, das man unter www.traveling-preacher.com abrufen kann.

 

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Unglaubliches Video:

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Category: Indradyumna Swami, Kirtan, Menschen, Reiseberichte

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